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Winter People - Wer die Toten weckt: Wer die Toten weckt (German Edition)

Winter People - Wer die Toten weckt: Wer die Toten weckt (German Edition)

Titel: Winter People - Wer die Toten weckt: Wer die Toten weckt (German Edition)
Autoren: Jennifer McMahon
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Das geheime Tagebuch der Sara Harrison Shea
29. Januar 1908
    Als ich zum ersten Mal eine Schlafende sah, war ich neun Jahre alt.
    Es war das Frühjahr bevor Papa Auntie fortschickte und bevor wir meinen Bruder Jacob verloren. Meine Schwester Caroline hatte im Herbst geheiratet und war nach Graniteville gezogen.
    Ich durchstreifte den Wald nahe der Teufelshand, wo Papa uns zu spielen verboten hatte. Die Bäume hatten ausgeschlagen, und ihr Laub bildete einen üppig grünen Baldachin über mir. Die Erde war warm von der Sonne, und der feuchte Wald roch satt nach Lehm. Hier und dort blühten unter Buchen, Vogelaugenahorn und Birken die ersten Frühlingsblumen: Waldlilien, Hundszahn und meine Lieblingsblume, der dreiblättrige Feuerkolben – eine drollige kleine Pflanze mit einem Geheimnis: Wenn man die gestreifte Blattkapuze anhob, kam darunter der Blütenstand zum Vorschein. Auntie hatte es mir gezeigt und mir gesagt, dass man die Wurzelknollen ausgraben und wie Rüben kochen könne. Ich hatte gerade eine dieser Pflanzen entdeckt und zog das Hüllblatt zurück, um mir den im Kelch verborgenen Blütenstand anzusehen, als ich langsame, gleichmäßige Schritte in meine Richtung kommen hörte, Füße, die sich schwerfällig durchs trockene Laub schoben und gegen Wurzeln stießen. Ich wollte davonlaufen, war jedoch vor Angst wie gelähmt und kauerte mich hinter einen Stein. Gleich darauf kam eine Gestalt auf die Lichtung.
    Ich erkannte sie sofort – Hester Jameson.
    Sie war zwei Wochen zuvor an Typhus gestorben. Ich war gemeinsam mit Papa und Jacob auf ihrer Beerdigung gewesen und hatte gesehen, wie sie auf dem Friedhof hinter der Kirche oben bei der Moosbeerenwiese in die Erde gelegt worden war. Die ganze Schule war gekommen, und alle hatten ihren besten Sonntagsstaat an.
    Hesters Vater Erwin war der Besitzer von Jamesons Sattelzeug und Futtermittel in der River Street. Er trug eine schwarze Jacke mit blank gewetzten Ärmeln, und seine rote Nase glänzte feucht. Neben ihm stand seine füllige Frau Cora, die in der Stadt ein Schneideratelier hatte. Cora Jameson schluchzte in ein Spitzentaschentuch, und ihr ganzer Körper zitterte und bebte dabei.
    Es war nicht mein erstes Begräbnis, doch nie zuvor hatte ich gesehen, wie jemand beerdigt wurde, der im selben Alter war wie ich. Für gewöhnlich waren es die sehr Alten oder sehr Jungen, die starben. Ich konnte den Blick nicht von ihrem Sarg abwenden, der genau die passende Größe für ein Mädchen wie mich hatte. Ich starrte die schmucklose Holzkiste an und fragte mich, wie es sich wohl anfühlen mochte, darin zu liegen. Davon wurde mir ganz benommen zumute, was Papa gemerkt haben musste, denn er nahm meine Hand, drückte sie und zog mich an sich.
    Reverend Ayers, damals noch ein junger Mann, erklärte, dass Hester nun bei den Engeln wohne. Unser alter Priester Reverend Phelps hatte einen Buckel gehabt und war halb taub gewesen, und von seinen Predigten hatte ich nie ein Wort verstanden – sie waren voller furchterregender Metaphern über Sünde und Erlösung gewesen. Doch wenn Reverend Ayers mit seinen strahlend blauen Augen sprach, hatte ich das Gefühl, als wäre jedes einzelne seiner Worte allein an mich gerichtet.
    »Ich bin der, der euch Kraft schenkt. Ich habe euch erschaffen, und ich werde euch tragen. Ich werde euch stützen, und ich werde euch erretten.«
    Zum ersten Mal begriff ich das Wort Gottes, weil es aus Reverend Ayers’ Mund kam. Seine Stimme, behaupteten die Mädchen, könne selbst den leibhaftigen Satan besänftigen.
    Ein Rotschulterstärling rief sein konk-a-riih von einem Haselstrauch unweit der Grabstelle. Er plusterte sein Gefieder auf und ließ seinen Ruf wieder und wieder erklingen, so laut er konnte. Sein Gesang war beinahe hypnotisch – selbst Reverend Ayers hielt kurz inne und blickte sich nach ihm um.
    Mrs Jameson sank laut weinend auf die Knie. Mr Jameson versuchte sie hochzuziehen, doch ihm fehlte die Kraft.
    Ich stand ganz dicht bei Papa und hielt seine Hand, während Erde auf den Sarg der armen Hester Jameson geschaufelt wurde. Sie war in meiner Klasse gewesen. Hester hatte einen schiefen Schneidezahn gehabt, aber dafür ein wunderhübsches zartes Gesicht. Und sie war die Klassenbeste in Arithmetik gewesen. Einmal hatte sie mir zu meinem Geburtstag eine Karte mit einer gepressten Blume darin geschenkt. Ein getrocknetes, perfekt erhaltenes Veilchen. Möge dieser Tag so einzigartig sein, wie Du es bist ,

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