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Wimsey 11 - Der Glocken Schlag

Wimsey 11 - Der Glocken Schlag

Titel: Wimsey 11 - Der Glocken Schlag
Autoren: Dorothy L. Sayers
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Erster Durchgang
Die Glocken werden aufgeschwungen
    Die Seilschlaufe, die es vor und während des Läutens einer Glocke in der Hand zu halten gilt, gibt dem Lernenden stets neue Rätsel auf; sie schlägt ihm ins Gesicht oder schlingt sich um seinen Hals (in welchem Falle er sich gar daran erhängen kann!).
    Troyte: ON CHANGE-RINGING
    »Jetzt haben wir den Salat!« sagte Lord Peter Wimsey.
    Da lag das Auto, hilflos und albern, die Nase tief im Graben, die Hinterräder komisch schief überm Bankett, als ob es mit aller Macht im Erdboden verschwinden wollte und sich dazu eine Höhle im aufgewehten Schnee graben müßte. Wimsey spähte durch das Schneetreiben um sich und sah dann auch, wie es zu dem Unfall gekommen war. Die schmale, bucklige Brücke, blind wie ein augenloser Bettler, spannte sich im rechten Winkel über den Kanal und fiel dann steil auf die schmale Straße ab, die den Deich krönte. Er war ein wenig zu schnell über die Brücke gefahren und, geblendet von dem starken Schneesturm aus Osten, über die Straße hinausgeraten und die Deichböschung hinab in den tiefen Graben dahinter gestürzt, von wo ihn jetzt eine Dornenhecke im gleißenden Licht der Scheinwerfer stier und feindselig anstarrte.
    Nach rechts und links, vorn und hinten lag das Moor unter einem Leichentuch. Es war Silvester, kurz nach vier Uhr, und der Schnee, der den ganzen Tag gefallen war, warf einen Schimmer von Grau zurück an den bleiernen Himmel.
    »Pech«, meinte Wimsey. »Was glauben Sie, wo wir hier gelandet sind, Bunter?«
    Der Diener zog im Schein einer elektrischen Taschenlampe die Landkarte zu Rate.
    »Ich glaube, Mylord, daß wir die richtige Straße bei Leamholt verlassen haben. Wenn mich nicht alles täuscht, befinden wir uns jetzt in der Nähe von Fenchurch St. Paul.«
    Noch während er sprach, trug der Wind den durch den Schnee gedämpften Schlag einer Kirchturmuhr an ihre Ohren. Sie schlug die erste Viertelstunde.
    »Gott sei Dank«, sagte Wimsey. »Wo eine Kirche ist, da ist Zivilisation. Ein Fußmarsch wird uns nicht erspart bleiben. Lassen Sie die Koffer hier; wir werden jemand danach schikken. Brrr – ist das kalt! Als Kingsley vom wilden Nordost schwärmte, hat er garantiert irgendwo drinnen beim gemütlichen Feuer gesessen und sich seinen Tee mit Butterküchlein schmecken lassen. Ein heißes Butterküchlein könnte ich jetzt selbst vertragen. Wenn ich mich nächstes Mal in diese Gegend einladen lasse, warte ich den Hochsommer ab oder fahre mit der Eisenbahn. Die Kirche muß da stehen, wo der Wind herkommt – klar.«
    Sie zogen ihre Mäntel fester um sich und wandten ihre Nasen gegen Wind und Schnee. Links von ihnen verlief schwarz und mürrisch der Kanal, gerade wie mit der Schnur gezogen, die träge dahinfließenden, unheildrohenden Wasser eingefaßt von steilen Uferböschungen. Rechts zog sich als unregelmäßiger schwarzer Strich die halbversenkte Hecke dahin, zwischendrin ein paar Pappeln und Weiden. Schweigend stapften sie los, die Augenlider schwer vom Schnee. Nach einer einsamen Meile tauchte am andern Kanalufer der Schattenriß einer Windmühle auf, doch keine Brücke führte hinüber, kein Licht wies den Weg.
    Nach einer weiteren halben Meile stießen sie auf einen Wegweiser und eine Nebenstraße, die nach rechts abzweigte. Bun ter richtete den Strahl der Taschenlampe auf den einzigen Arm des Wegweisers und las:
    »Fenchurch St. Paul.«
    Eine andere Richtung gab es nicht. Geradeaus marschierten Straße und Kanal Seite an Seite weiter in die winterliche Ewigkeit.
    »Auf nach Fenchurch St. Paul«, sagte Wimsey und schlug, gefolgt von seinem Diener, die neue Richtung ein. Im selben Moment hörten sie wieder die Kirchturmuhr, diesmal näher; sie schlug das dritte Viertel.
    Nach ein paar hundert Schritten Einsamkeit stießen sie auf die ersten Lebenszeichen in dieser froststarren Einöde: links von ihnen, etwas abgesetzt vom Weg, die Dächer eines Bauerngehöfts, rechts ein kleines, viereckiges Gebäude, wie ein Bauklötzchenhaus. Gasthaus »Zur Weizengarbe« stand auf dem Schild, das quietschend über der Tür schaukelte. Davor stand ein unansehnliches kleines Auto, und aus den Fenstern unten und oben drang Licht durch rote Vorhänge.
    Wimsey ging hin und probierte die Tür. Sie war zu, aber nicht verschlossen. »Ist da jemand?« rief er laut.
    Aus einem der hinteren Räume erschien eine Frau mittleren Alters. »Wir haben noch nicht auf!« rief sie barsch.
    »Ich bitte um Verzeihung«, sagte Wimsey, »aber

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