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Wiener Schweigen

Wiener Schweigen

Titel: Wiener Schweigen
Autoren: Iris Strohschein
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    Rosa tauchte unter. Der Kirchturm am anderen Ende des Sees verschwand; als sie wieder auftauchte, kam er erneut in ihr Blickfeld. Sie kraulte zügig auf den Steg zu, auf dem ihre Kleidung und ein Handtuch lagen. Ein paar Meter vor dem Ufer drehte sie sich auf den Rücken und ließ sich treiben. Die Sonne schien ihr ins Gesicht.
    Sie nutzte den ersten richtig heißen Sonnentag, um schwimmen zu gehen. Das Wasser des Sees würde den ganzen Sommer über angenehm kühl bleiben, für manche sogar zu kühl. Der Frühling hatte mit starken Regenfällen begonnen, die den Boden aufgeweicht und dafür gesorgt hatten, dass in Österreich zahlreiche Muren abgegangen waren. Als Rosa den Steg erreicht hatte, stieg sie aus dem Wasser und legte sich auf die warmen Bretter. Der Geruch des Holzes erinnerte sie an ihre Kindheit, als sie mit ihrer Schwester im Gänsehäufel in Wien nach dem Wettschwimmen auf einem Steg, der in die Alte Donau ragte, gelegen hatte. Sie blinzelte zwischen die Holzbretter, im grünen Wasser stand reglos ein Schwarm Weißfische. Ihre Muskeln und Sehnen entspannten sich, sie wurde müde.
    Als ihr Mobiltelefon läutete, schrak sie auf. Sie musste wohl eingeschlafen sein.
    »Rosa, wir haben etwas gefunden, bei dem wir deine Hilfe brauchen«, begann Liebhart unvermittelt. »Wann kannst du kommen?«
    Rosa setzte sich auf, rieb sich die Augen und antwortete benommen: »Ich kann in einer Stunde in Wien sein.«
    »Gut, ich bin im Kuchelauer Hafen.«
    »Wo genau?«
    »Die Stelle kannst du nicht übersehen, die Kuchelauer Hafenstraße ist hier gesperrt, der Stau zieht sich bis über die Nordbrücke. Ich gebe den Verkehrspolizisten an der Absperrung Bescheid; sie sollen dich so nah wie möglich zufahren lassen.«
    »Wieso ist denn gleich die ganze Straße gesperrt?«, wollte Rosa wissen, doch Liebhart hatte bereits aufgelegt.
    Auf der Fahrt nach Wien dachte sie über ihren alten Schulkameraden Liebhart nach; er war nach der Matura in den Polizeidienst eingetreten, und sie hatte Kunstgeschichte und Psychologie studiert. Sie hatten nur sporadisch Kontakt gehabt, bis Liebhart sie im letzten Jahr bei der Aufklärung eines Mordfalls, bei dem ein Gemälde eine wichtige Rolle gespielt hatte, um ihre fachliche Unterstützung gebeten hatte. Bevor der Mörder damals gefasst werden konnte, war es ihm gelungen, Rosa in seine Gewalt zu bringen. Er hatte sie krankenhausreif geprügelt. Ihr Magen krampfte sich bei dem Gedanken daran noch heute zusammen. Sie hatte den Vorfall schlecht verarbeitet, und Liebharts Anruf wühlte die Erinnerungen erneut auf. Ihre Schulter, die damals ausgerenkt worden war, begann zu schmerzen.
    Der Stau begann schon bei der Auffahrt zur Nordbrücke. Die Emotionen der Autofahrer kochten bei der mörderischen Hitze hoch und entluden sich in einem sinnlosen Hupkonzert. Rosa musste den überforderten Verkehrspolizisten, der schwitzend und mit hochrotem Kopf am Rande der Fahrbahn stand und versuchte, den Verkehr zu regeln, anbrüllen, damit er sie in diesem Lärm überhaupt verstand. Er bedeutete ihr, auf dem Pannenstreifen bis zur Abfahrt zur Kuchelauer Hafenstraße zu fahren.
    Auf der Mitte der Nordbrücke ließ sie ihren Blick zum Leopoldsberg schweifen; sie erstarrte vor Schreck, bremste ab und blieb stehen.
    Ein großer Teil des östlichen Berghanges, der zum Hafen hin abfiel, war verschwunden. Die Trasse, auf der die Hafenstraße Richtung Klosterneuburg führte, war unter den Erdmassen begraben. Rosa schluckte und krallte die Hände um das Lenkrad.
    Das wütende Klopfen eines Polizisten an ihre Autoscheibe schreckte sie auf. Er fuchtelte mit den Armen und schrie sie an, dass sie gefälligst weiterfahren solle, die Straße müsse für die Einsatzfahrzeuge frei bleiben. Sie trat aufs Gas, schlängelte sich auf der Hafenstraße durch ein Chaos aus Feuerwehr, Polizei- und Rettungsautos, wurde von mehreren Polizisten, deren Nerven blank lagen, erneut angebrüllt und stellte ihr Auto wenig später in der Wigandgasse im Kahlenbergerdorf, nahe der Unglücksstelle, ab.
    Dunstig stieg ihr der faulige Geruch von gebrochenen Kanalrohren und brackigem Wasser in die Nase. Eine Staubwolke lag in der Luft. Der Weg zum Hafen gestaltete sich schwierig. Feuerwehrmänner schleppten schwitzend, in voller Montur, Bergungswerkzeug, weitere Einsatzkräfte telefonierten aufgeregt oder gaben laut Anweisungen über die Köpfe der Anwesenden hinweg. Hinter der Absperrung hatten sich Schaulustige versammelt, und die parkenden und

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