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Wie Sommerregen in der Wueste

Wie Sommerregen in der Wueste

Titel: Wie Sommerregen in der Wueste
Autoren: Nora Roberts
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1. K APITEL
    Sie war wirklich einen zweiten Blick wert. Dafür gab es mehr Gründe, grundsätzlichere, als die Tatsache, dass sie eine der ganz wenigen Frauen auf der Baustelle war. Es war ganz natürlich, wenn der Blick eines Mannes von einem weiblichen Wesen angezogen wurde, vor allem in einem Bereich, in dem immer noch Männer vorherrschten. Doch an dieser Frau war etwas Besonderes, das Craigs Aufmerksamkeit erregte.
    Stil. Auch wenn sie Arbeitskleidung trug und auf einem Steinhaufen stand, sie hatte Stil. Selbstbewusstsein, dachte er. Selbstbewusstsein war für ihn ein ganz eigenes Gütezeichen von Stil, ebenso wie – nun, wenigstens fast – schwarze Spitze oder weiße Seide.
    Eigentlich hatte er nicht die Zeit, hier herumzusitzen und solchen Gedanken nachzuhängen. Er war schon fast eine Woche zu spät von Florida hierher nach Arizona gekommen, um das Projekt zu übernehmen. Und doch, er musste diese Frau einfach beobachten.
    Sie war groß, in ihren Arbeitsstiefeln über eins fünfundsiebzig, und eher dünn als schlank. Ihre Schultern unter dem gelbbraunen T-Shirt, das am Rücken dunkel verschwitzt war, wirkten kräftig. Als Architekt schätzte Craig klare Linien. Als Mann schätzte er die Art, wie ihre abgetragenen Jeans eng über ihren Hüften saßen. Unter ihrem Arbeitshelm lugte ein dicker, kurzer Zopf in der Farbe von poliertem Mahagoni hervor.
    Craig schob seine Sonnenbrille hoch. Die Frau war wirklich einen zweiten Blick wert. Sie bewegte sich ohne überflüssige Gesten. An ihrer Hosentasche zeichnete sich eine schwache, helle Linie ab, wo sie, wie Craig annahm, ihr Portemonnaie verwahrte. Eine praktische Frau. Eine Tasche wäre auf einer Baustelle nur lästig.
    Ihre Haut war tief gebräunt. Ihr eigensinniges Kinn stand im Gegensatz zu den anmutigen Wangenknochen, und beides wurde durch den weichen, ungeschminkten Mund ausgeglichen, dessen Winkel im Moment ärgerlich heruntergezogen waren.
    Ihre Augen konnte er auf die Entfernung nicht erkennen, doch ihre Stimme, als sie jetzt einen Befehl erteilte, war deutlich genug. Sie erinnerte eher an stille, dunstige Nächte als an verschwitzte Tage.
    Amy bemerkte nicht, dass sie beobachtet wurde, als sie sich jetzt mit dem Arm über die feuchte Stirn fuhr. Die Sonne war heute gnadenlos. Der Schweiß lief Amy den Rücken herunter, verdunstete und trat wieder hervor: ein Kreislauf, mit dem sie zu leben gelernt hatte.
    Bei fast vierzig Grad kann man sich nicht schneller bewegen, dachte sie, und man kann nicht mehr Eisen transportieren und nicht mehr Felsgestein abtragen. Selbst mit den gefüllten Wassertanks und den Salztabletten war jeder Tag ein Kampf gegen die Uhr. Bis jetzt hatten sie es zwar geschafft, aber … Es darf kein Aber geben, erinnerte sie sich wieder. Die Konstruktion dieses Ferienzentrums war die größte Sache, mit der sie bisher in ihrer Berufslaufbahn betraut worden war, und sie würde daran nicht scheitern. Das hier war ihr Sprungbrett.
    Und trotzdem hätte sie Tim Thornway dafür erwürgen können, die Firma und sie mit einem zeitlich so knapp bemessenen Projekt zu verpflichten. Die vertraglich festgelegte Strafe bei Nichteinhaltung der Termine war himmelschreiend, und die Verantwortung dafür, sie nicht zahlen zu müssen, hatte Tim ganz beiläufig auf Amy abgewälzt.
    Amy straffte die Schultern, als spüre sie tatsächlich diese Zentnerlast. Es käme einem Wunder gleich, das Projekt termingerecht und ohne Überschreitung der Veranschlagung fertigzustellen. Da Amy nicht an Wunder glaubte, hatte sie sich mit langen und harten Arbeitstagen abgefunden. Das Ferienzentrum würde gebaut werden – termingerecht! –, und wenn sie selbst dafür den Hammer in die Hand nehmen musste. Aber das ist das letzte Mal, gelobte sie sich im Stillen, während sie beobachtete, wie ein Stahlträger eindrucksvoll aufgerichtet wurde. Nach diesem Projekt wollte sie sich endgültig von Thornway lösen und ihren eigenen Weg gehen.
    Sie war der Firma verbunden, in der man ihr so viel Vertrauen entgegengebracht hatte, dass Amy sich von der Assistentin zur Bauingenieurin durchboxen konnte. Das war etwas, was sie nie vergessen würde. Aber verpflichtet hatte sie sich Thomas Thornway, dem Vater, gefühlt. Jetzt, wo er ausgeschieden war, tat sie alles in ihrer Macht Stehende, um nicht zusehen zu müssen, wie Tim die Firma zugrunde richtete. Aber sie wäre verrückt, wenn sie sich den Rest ihrer Karriere für ihn verantwortlich fühlen und ihm auf die Finger sehen

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