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Wie ein Hauch von Zauberblüten

Wie ein Hauch von Zauberblüten

Titel: Wie ein Hauch von Zauberblüten
Autoren: Heinz G. Konsalik
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verquollen, und wie in allen Fällen, die Dr. Oppermann bisher gesehen hatte, waren Fliegenschwärme, vom süßlichen Eitergeruch angelockt, über die Augen hergefallen, hatten neue Bakterien abgeladen oder gar Eier in das entzündete Fleisch gelegt. Bei seinen Fahrten bis hinauf zum Okavango hatte er Kranke gesehen, in deren Augenhöhlen Würmer krochen, Kranke, deren Auge nur noch eine schwammige, gallertartige Masse war, mit zerfressenem Sehnerv: eine grausame, rätselhafte Zerstörung, die unaufhaltsam war und Blinde zurückließ, Blinde mit leeren Augenhöhlen, als habe man den Augapfel mit einem Löffel ausgeschabt …
    Man hatte alles ausprobiert, was der Antibiotiker-Markt zur Verfügung hatte. Es gab kein Gegenmittel, das man nicht versucht hätte. Die Infektion trotzte allem. Der rätselhafte Erreger war resistent gegen alle bekannten Chemotherapeutika. Es war tatsächlich so, wie der Chefarzt in Windhoek bei Dr. Oppermanns Begrüßung gesagt hatte: Die Krankheit frißt die Medikamente und nährt sich davon!
    Dr. Oppermann setzte sich zu dem kleinen Herero auf die Untersuchungsliege und schob die grelle Lampe etwas zur Seite. Die Mutter in ihrem bunten Sonntagsstaat stand regungslos daneben. Hinter ihrer Schreibmaschine war Nkulele bereit für Karteikarte und Protokoll.
    »Kannst du Deutsch?« fragte Dr. Oppermann die Herero-Frau.
    Sie nickte, faltete die Hände und sah ihn mit einer Gläubigkeit an, die Oppermann erschütterte. Hilf uns, Doktor, sagten diese schwarzen Augen. Wir vertrauen dir. Wir haben alles versucht. Wir haben mit Wurzelsud gebadet, wir haben einen Blätterbrei auf die Augen geschmiert, wir haben gebetet. Was hat es genutzt? Aber du wirst uns helfen. Ich sehe es dir an. Du kannst mehr als alle anderen …
    »Woher kommst du?« fragte Dr. Oppermann.
    »Aus Etaneno.«
    »Das ist im Gebiet von Kalkfeld?«
    »Ja.«
    »Wem gehört die Farm?«
    »Dem Master Heinrich Riddemann.«
    Im Hintergrund klapperte die Schreibmaschine von Nkulele. Die Herero-Frau sprach bedächtig; es war einfach, da mitzuschreiben. Dr. Oppermann blickte wieder auf das Kind. Es hatte sich beruhigt, lutschte, wie alle Kinder, am Daumen und sah mit dem im Eiter eingebetteten rechten Auge zu ihm empor. Das linke war zerstört. Eine weißgelbe Masse, in der es keine Iris und keine Pupille mehr gab.
    »Was hat Master Riddemann gesagt, als er dein Kind sah?«
    »Sofort zum Doktor!«
    »Gibt es noch mehr Kranke bei dir? Kranke mit solchen Augen?«
    »Ja.« Die Herero-Frau nickte. »Neun.«
    »Du lieber Himmel! Alles Kinder?«
    »Auch drei Alte.«
    »Und warum schickt Master Riddemann sie nicht zu mir?«
    »Er weiß es nicht.«
    Dr. Oppermann blickte hinüber zu Nkulele. Die Brille mit den Straßsteinen blitzte ihn an. Sie brauchte sie nicht, es war nur gefärbtes Glas, aber ebensowenig wie Urulele auf seine polierte Glatze verzichtete, war sie zu bewegen, ohne diese Brille zu leben. Es war die einzige Brille dieser Art im ganzen Bezirk, ja vielleicht in ganz Südwest. Eine Tante hatte sie aus dem fernen Johannesburg geschickt, und nun erzeugte die Brille das, wovon jeder Ovambo träumt: das wundersame Gestell hob sie von den anderen ab! Etwas Besonderes sein, herausgehoben aus der Masse – darauf kam es an!
    »Notier«, sagte Dr. Oppermann zu Franziska Maria. »Erstes bekanntes Auftreten im Gebiet Kalkfeld mit angeblich zehn Erkrankungen. Patient Nr. 431: Linkes Auge – Endstadium. Rechtes Auge – Stadium III. Patient bleibt zwei Tage stationär für Testreihe. – Notiz auf Reiseplan: Gebiet Kalkfeld mit Schwerpunkt Etaneno.« Er brach ab, blickte auf seine Armbanduhr mit der Datumsanzeige und dann hinüber zu einem Reklamekalender, der an der Wand hing. ›Die schöne Heimat‹ hieß der Kalender, zeigte ein Alpenpanorama und mußte für jeden Schwarzen ein Rätsel sein: Schnee bedeckte die Landschaft. Wie kann man einem Ovambo Schnee erklären? Unter dem Kalendarium stand der Reklameaufdruck: Otto Wilcke & Sohn. – Alles, was man im Hause braucht. Windhoek.
    »Wann soll die neue Assistentin kommen?« fragte Dr. Oppermann.
    »Wenn sie pünktlich ist, übermorgen!« antwortete Nkulele. Ihre Stimme klang abweisend. Seit aus Windhoek der endgültige Bescheid gekommen war, daß Dr. Oppermann nicht einen Medizinischen Assistenten, sondern eine Assistentin bekam – eine Nachricht, die Marcus-Tomba herausposaunte, als gelte es, wie einst in Jericho, Mauern umzublasen –, lief Nkulele mit spürbarer Unruhe herum. Sie hatte

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