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Wie ein Hauch von Zauberblüten

Wie ein Hauch von Zauberblüten

Titel: Wie ein Hauch von Zauberblüten
Autoren: Heinz G. Konsalik
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Boer – S.W.A. Farmer‹ und fiel bei den Ärzten dadurch auf, daß er sie anbettelte, im Operationssaal dabei sein zu dürfen. Nur herumstehen wollte er, zusehen, nicht lästig werden, man solle ihn gar nicht bemerken, er wolle nur sehen, wie man kranke Menschen rettet.
    So stand also Marcus-Tomba auch im OP herum, mit Kopfbedeckung und Mundschutz, sterilem OP-Mantel und Gummischuhen, sah sich die Operationen an, reichte später sogar aus dem Hintergrund den OP-Schwestern Nachschub an Tupfern und Watte an, trug die Eimer mit den Abfällen weg, schrubbte nach einem Operationstag den Kachelboden und das Gestänge des OP-Tisches und wurde so auf der Station bei den Kranken und im OP bei den Ärzten fast unentbehrlich.
    Als Urulele vierundzwanzig Jahre alt war und seine erste Prüfung als Krankenpfleger mit Glanz bestanden hatte, geschah etwas Ungewöhnliches. Im Kino von Windhoek spielte man den amerikanischen Film ›Der König und ich‹ mit dem glatzköpfigen Yul Brunner in der Rolle des Königs von Siam. Der Film begeisterte Urulele so sehr, daß er am nächsten Tag zu einem Ovambofriseur ging, sich auf den wackeligen Stuhl setzte, auf sein volles Kraushaar zeigte und mit unerbittlicher Stimme sagte: »Abschneiden!«
    »Wieso?« fragte der Friseur entsetzt. »Die Haare sind noch nicht lang genug, Marcus.«
    »Ganz weg! Rasieren!«
    »Alles?!«
    »Alles!«
    »Bist du verrückt geworden?«
    »Mit einem blanken Kopf wird man groß und stark! Ich habe es gesehen! Kennst du den König von Siam?«
    »Welcher Stamm ist das?« fragte der Friseur ratlos.
    Urulele winkte ab, gab dem Friseur einen Rand – das war ein stolzer Preis – und ließ sich die Haarpracht abschneiden, den Schädel glatt rasieren und die Kopfhaut mit Öl polieren. Im Krankenhaus lachte man ihn erst aus, aber dann gewöhnte man sich daran. »Man wird nie klug aus den Schwarzen!« sagte der Oberarzt beiläufig in einer Stammtischrunde im Hotel ›Fürstenhof‹. »Sie reagieren immer anders, als man erwartet. Da haben wir einen Krankenpfleger, ein begabter Bursche, getaufter Ovambo, hat die Prüfung mit Gut bestanden – und was tut der Kerl? Er läßt sich eine Glatze schneiden! Warum? Keiner weiß es! Ein Ovambo mit einer freiwilligen Glatze! Man kommt einfach nicht dahinter …«
    Das Leben Uruleles hatte sich völlig verändert, als vor acht Monaten ein Dr. Richard Oppermann aus Deutschland in Windhoek gelandet war. Er kam mit zwei kleinen Koffern, denen am nächsten Tag drei riesige Metallkisten folgten. Urulele war dabei, als man Dr. Oppermann am Flugplatz J. G. Strijdom abholte. Er trug die Koffer und hörte, wie der Chefarzt sagte:
    »Wir haben sehnsüchtig auf Sie gewartet, Herr Oppermann. Die Infektion beginnt sich zu einer Seuche auszuwachsen. Noch ist sie begrenzt, aber es ist völlig unmöglich, Ballungsgebiete, wie etwa Windhoek oder Tsumeb, abzuriegeln. Sie kann also jeden Tag auch hier auftauchen. Wir haben fast achthunderttausend Eingeborene gegenüber rund neunzigtausend Weißen. Das kann eine Infektionslawine werden!«
    Und später im Wagen hörte Urulele – er saß neben dem Fahrer –, wie Dr. Oppermann sagte: »Ich bin vom Institut für bakteriologische Forschung erstaunlicherweise mit genügend Geldmitteln ausgestattet worden. Auch die Ministerialbehörden in Pretoria steuern einen großen Beitrag bei. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß ich bei Null anfange! Ich werde wohl das berühmte ›Kochsche Gefühl‹ nachempfinden. Auch Robert Koch saß ja mit bloßen Händen und einem Mikroskop am Tschadsee und entlockte trotzdem der Tse-tse-Fliege das Geheimnis der Schlafkrankheit.«
    »Leider ist es hier noch trostloser«, antwortete der Chefarzt. »Wir haben Hunderte von Antibiotika gemixt und trotzdem stehen wir bei dieser Infektion wie vor einer Stahlwand. Nichts schlägt an. Die Krankheit schluckt alle Medikamente, als würde sie davon nur noch fetter. Aber Sie kennen ja die Ergebnisse, Herr Oppermann. Niederschmetternd! Und das Schlimmste ist: Die Schwarzen zweifeln an der weißen Medizin! Vom Norden her, aus dem Ovamboland, so habe ich mir sagen lassen, wandern die Medizinmänner wieder durch die Dörfer. Wenn irgendwo die weißen Ärzte auftauchen, sind die Kranken schon wieder behängt mit Amuletten, tragen Verbände mit obskuren Breien, schlucken Pulver aus zerstampften Spinnen, Wurzeln und Tierknochen. Hier dreht sich verrückterweise das Rad der Entwicklung zurück, genau so, wie der blödsinnige Glaube immer

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