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Wernievergibt

Wernievergibt

Titel: Wernievergibt
Autoren: Friederike Schmöe
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Prolog
    Der Mann rappelte sich auf und klopfte ungeduldig feuchten Sand von seiner Lederjacke. Beim Sprung aus dem Wagen hatte er sich die Schulter grün und blau geschlagen. Die ganze linke Seite tat ihm weh. Aber das war es wert. 5.000 Dollar waren es allemal wert.
    Er trat vorsichtig an den abschüssigen Rand der schmalen Straße. Anfang April lag Schnee auf den umliegenden Bergen und Matsch auf der Straße, doch das Flüsschen unten in der Schlucht war getaut und rauschte voller Leidenschaft durch das felsige Bachbett.
    Die Gegend erstarrte um diese Zeit in Einsamkeit. Das Kloster Wardsia lag weit genug weg, und die Mönche kamen kaum aus ihrem vereisten Domizil heraus. Die Touristensaison hatte längst noch nicht begonnen. Der Mann schnaubte. Wenn man hier, im gebirgigen Süden Georgiens, überhaupt von Tourismus sprechen konnte. Die Nordostgrenze der Türkei lag keine 20 Kilometer entfernt. Die beschwerliche Fahrt über schmale Sträßchen, die an steilen Hängen klebten, mehr beansprucht von Kuhherden als von Fahrzeugen, nahmen nur wenige Urlauber auf sich. Ab Mai, sogar erst ab Juni, wenn die Hitze einsetzte und die Sonne auf dem kahlen Felsen unerträgliche Glut entfachte, kamen ein paar. Sie kamen wegen des Klosters, wegen der Fresken, vielleicht wegen der Einsamkeit. Sie reisten von weither an, in Jeeps und Minibussen, und fühlten sich fremd. So wie er.
    Der Wagen lag zerschmettert in der Schlucht. Die Explosion war gewaltig gewesen, immerhin hatte er daran gedacht, zusätzlich drei Gasflaschen im Kofferraum mitzunehmen. Während der irrwitzige Knall von den Bergen zurückprallte, war er über die Straße gekugelt, um den schnellen Ausstieg abzufangen. Hundert Meter tief war der Sturz gewesen, wenn nicht mehr. Hierzulande fuhr man ohne Sicherheitsgurt, aber die dumme Frau aus dem Westen hatte sich natürlich angeschnallt. Er grinste schief. Das Sicherheitsbedürfnis der Westler fand er lächerlich; man sah ja, wohin es führte. Die Leiche würde bis zur Unkenntlichkeit verbrennen. Der Mann nickte zufrieden. 5.000 Dollar. Er war im Augustkrieg 2008 aus Zchinwali geflüchtet, als die russische Armee Georgien überrollte. Ein Krieg, über dessen Ursachen und Urheber heute noch gestritten wurde. Journalisten, EU-Offizielle und Politiker diskutierten sich die Münder fransig, dabei wucherten die Theorien über den Auslöser der Angriffe ins Unendliche. Er selbst hatte in Südossetien gelebt, ein Georgier in einem georgischen Dorf auf ossetischem Boden, und er hatte das Gebiet fluchtartig verlassen, mit seiner Frau und zwei Söhnen. Einem von ihnen war von ossetischen Milizen in den Kopf geschossen worden. In so einem Krieg entwickelten sich schnell Nutznießer. Sie kämpften auf irgendeiner Seite, nicht um der Sache oder der Überzeugung willen, sondern wegen des Profits. Sie optimierten ihre Verdienste mit Geiselnahmen und Auftragsmorden. Das konnte der Mord an einem ganzen Dorf sein, wenn nötig. Big Business des Krieges. Sein Sohn hatte die Verletzung überlebt, aber er war ein Tölpel geworden, ein Kretin. Seine Frau war über diesem Unglück zerbrochen. Sein zweiter Sohn ging noch zur Schule. Sie hatten keine Bleibe, er fand keinen Job, und so hauste die Familie nördlich der Autobahn zwischen Tbilissi und Gori in einem Flüchtlingslager, in einem Häuschen mit Chemieklo, das an eine Schuhschachtel erinnerte. Seine Frau konnte vor Kummer nicht arbeiten, und seine Geliebte bekam ein Kind von ihm. Er brauchte das Geld dringend.
    Schwarzer Qualm trieb durch die Schlucht. Der Mann, der sich selbst nie als Mörder bezeichnet hätte, steckte sich eine Zigarette an. Endlich. Die Westlerin war natürlich Nichtraucherin. Gewesen! Der Mann nahm einen tiefen Zug. Angeblich vertrug sie den Rauch nicht. Und wollte nicht, dass er ein Fenster öffnete, weil ihr kalt war. Er hätte sie am liebsten vorher vernascht. Nordische Frauen waren leicht zu erobern. Er musste sich zurückhalten, an die 5.000 Dollar denken, nur daran denken. Er musste die Ärzte für den idiotischen Sohn und seine depressive Frau bezahlen. Außerdem musste man ja essen und trinken.
    Es begann, sacht zu schneien. Auf der unbefestigten Piste schmolzen die Flocken und wurden zu Matsch. Besser, er sah zu, dass er wegkam. Die Gegend war zu einsam für Zeugen, doch man konnte nie wissen.
    Der Mann wandte sich vom Abgrund weg und ging über die Straße zurück nach Norden. 20 Minuten später hatte er die Felsspalte wiedergefunden, wo er tags zuvor das

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