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Wer morgens lacht

Wer morgens lacht

Titel: Wer morgens lacht
Autoren: Mirjam Pressler
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ihr altes geerbt, weil meines wirklich zu klein geworden war, ich habe es geerbt, wie ich immer alles nur geerbt habe.
    Oder soll ich mit dem Krach anfangen, den es gab, als sie einmal zwei Nächte lang weggeblieben war, ohne dass wir wussten, wo sie steckte, weil sie auch nicht an ihr Handy ging, und unser Vater vor lauter Sorge schon zur Polizei gelaufen war? Dort haben sie nur gesagt, bei Teenagern kommt so etwas schon mal vor, und Sie haben ja selbst gesagt, dass es nicht das erste Mal ist, warten Sie noch ein paar Stunden ab. Als sie endlich heimkam, nicht bereit, irgendetwas zu erklären, hat unsere Mutter getobt und sie angeschrien, lass dir ja kein Kind anhängen, du bist noch minderjährig, vergiss das nicht. Das war immer ihre größte Sorge, als hätte es nichts anderes gegeben. Marie hat ihr nur einen kalten Blick zugeworfen und verächtlich gesagt, dass du gleich an so etwas denken musst, ich weiß wirklich nicht, was du im Kopf hast. Oder soll ich mit den getrockneten Schafgarbenstängeln anfangen? Aber die Esoterik hat nicht lange gedauert, wie bei ihr nie etwas lange gedauert hat, ein paar Wochen, höchstens ein paar Monate, vermutlich hätte ich die Sache längst vergessen, wenn sie mit dem Esoterikkram auch die Räucherstäbchen aufgegeben hätte.
    Vielleicht mit meiner Geburt? Auch eine Möglichkeit, zumindest für mich hat damit alles angefangen.
    Es war in einer besonders kalten Nacht im Januar 1990, der einzigen wirklich kalten Nacht in jenem Winter, der Frost war so stark, dass die Vögel tot vom Himmel fielen, und es stürmte und schneite und die Schneeflocken waren so dick wie Wattebäusche. Als die Frau vor dem Schlafengehen die Haustür abschließen wollte und noch einmal hinausschaute, sah sie im Vorgarten eine tote Taube liegen, erfroren, weil es so kalt war. Sie spürte ein leichtes Ziehen in der Seite, dachte sich aber nichts dabei, es war noch gut drei Wochen vor der Zeit und bei ihrer ersten Schwangerschaft hatte sie vierzehn Tage übertragen. Gegen drei Uhr nachts wurde sie von Wehen geweckt, Wehen, die allerdings erst alle zehn, fünfzehn Minuten kamen. Eine Stunde später hatten sich die Abstände deutlich verringert. Sie stand auf, weckte ihren Mann, sagte ihrer Mutter Bescheid und bat sie, die Kleine am nächsten Morgen pünktlich um acht in den Kindergarten zu bringen, sonst gäbe es wieder Krach mit der Kindergärtnerin. Jessas na, rief ihre Mutter und fuhr so erschrocken hoch, dass sich ihr Nachthemd verschob und ihr die halbe Brust rausrutschte, und die Frau wandte schnell den Blick ab, weil es ihr peinlich war. Ich bete zum heiligen Josef, dass es nicht so schwer wird wie bei mir, sagte ihre Mutter, damit alles gut geht. Und dann wird sie wohl nach ihrem Rosenkranz mit den abgewetzten Perlen gegriffen haben, den sie abends immer auf ihren Nachttisch legte, Abend für Abend, ihr Leben lang.
    Doch ihre Gebete haben so schnell nicht geholfen, auch mein Schutzengel, von dem sie später immer geredet hat, tauchte noch nicht auf, um zu helfen, das Auto, ein alter Renault, wollte einfach nicht anspringen. Ich hätte eine neue Batterie kaufen sollen, sagte der Mann und versuchte es immer wieder, doch jedes Mal jaulte der Motor nur auf, röhrte kurz und schwieg dann hartnäckig, während die Frau neben dem Auto stand und versuchte, sich mit Mantel und Schal gegen die Schneeflocken und den Wind zu schützen. Es war bitterkalt, erzählte sie später immer, so kalt, dass die Vögel tot vom Himmel fielen, und es hörte nicht auf zu schneien, auch die tote Taube im Vorgarten war schon unter einer dicken Schneedecke verschwunden. Schließlich stieg der Mann aus und sagte mit einem entschuldigenden Schulterzucken, jetzt ist der Motor endgültig abgesoffen, komm ins Haus, wir müssen noch ein bisschen warten.
    Ich kann nicht mehr warten, rief die Frau wütend oder verzweifelt, da kann ich mich nie entscheiden, mal stelle ich es mir so vor, mal anders, aber das mit dem Nicht-mehr-warten-Können stimmt, das hat sie gesagt, ich kann nicht mehr warten, wir müssen sofort los, sonst kommt das Kind noch auf der Straße, ich hätte es wissen können, diese Schwangerschaft hat mir von Anfang an nichts als Schwierigkeiten gemacht. Geh und weck Otto, aber schnell, beeil dich, ich glaube, es ist sogar zu spät für einen Krankenwagen.
    Otto Stegmüller, unser Nachbar, ein Riese oder, wie Omi sagte, ein Muglmann, war jahrelang Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr gewesen, er war an Alarmsituationen

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