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Wenn du mich brauchst

Wenn du mich brauchst

Titel: Wenn du mich brauchst
Autoren: Jana Frey
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Auschwitz stattgefunden hat. Und über dich. – Wie konntest du es zulassen, dass ich nach Israel ging? Dass ich einen Rabbiner heiratete? Dass ich nach den jüdischen Gesetzen lebte?«
    »Du bist Jüdin, Sarah. Und – ich hatte das alles – auch fast vergessen«, erwiderte Esther leise.
    »Unsinn!«
    Diesmal benutzte Sarah das Wort und sie spuckte es vor Esther aus wie Gift. »Mutter, ich bin ein Nichts, siehst du das nicht? Du bist Jüdin, du hast Wurzeln und eine akzeptable Vergangenheit, auch wenn sie traurig ist. – Aber was ist mit mir?«
    »Du bist ein Teil von mir, Sarah«, sagte Esther heftig. »Du bist mein Kind!«
    »Nein, das bin ich nicht«, schrie meine Großmutter außer sich vor Zorn. »Ich bin das Kind irgendwelcher verfluchter, gottverdammter Nazis! Das – und nichts anderes – ist die Wahrheit!«
    Mr Goldblum, der aus dem Lagerraum im hinteren Garten kam, brummte nervös und ärgerlich auf und rang die Hände, während meine Mutter meine Großmutter umarmte und zurück ins Haus führte.
    Und jetzt waren wir unterwegs nach Hollywood, zum Haus der Lovells.
    Esther starrte immer noch auf ihr Handy.
    »Erwartest du einen Anruf?«, fragte ich und drehte mich zu ihr um. Esther nickte.
    »Von wem?«, fragte ich.
    »Vom Holocaust-Heinrich«, murmelte Esther.
    Diesmal fragte Chajm: »Von wem?«
    Ich erklärte es ihm.
    »Er hat sich seit Tagen nicht gemeldet«, erklärte Esther düster. »Hoffentlich ist ihm nichts passiert.«
    Dann waren wir da.
    »Hallo«, sagte Sky und kam auf uns zu. Neben ihr stand ihre Mutter, die eigentlich meine Mutter war.
    »Hannahdarling«, sagte sie mit leicht wackeliger Stimme, aber dann umarmte sie mich spontan. Sie roch nach Patschuliparfum und fühlte sich zart und irgendwie zerbrechlich an.
    Godot lag unter einem krummen, beeindruckenden Olivenbaum und hob den Kopf, als wir kamen. Ich lächelte ihm zu und beeilte mich dann, Chajm und Esther vorzustellen.
    »Ich habe schon von Ihnen gehört, Mrs Mandelbaum«, sagte Rosie und umarmte Esther so unvermittelt, dass Esther es erst danach schaffte, sich steif zu machen, wie sie es immer tat, wenn man sie mit einer Berührung überrumpelte. »Sie müssen eine wunderbare Frau sein.«
    Rosie lächelte Esther an und schien überhaupt nicht überrascht zu sein, dass ich sie mitgebracht hatte. Jedenfalls stellte sie keine Fragen.
    »Das ist Leek, Hannah«, sagte Sky in diesem Moment. »Mein Dad, dein Dad – wie auch immer.«
    Leek gab mir die Hand. Er sah jung aus und irgendwie lustig, mit den roten Haaren, auch wenn ein Zug um seinen Mund war, den ich nicht so richtig deuten konnte. Er sah aus, als ob er viele Sorgen in seinem Leben hätte. »Schön, dich zu sehen.«
    Gerade, als wir uns um den Terrassentisch setzen wollten, klingelte Esthers Handy. Sie nahm das Gespräch eilig an und ihre Augen weiteten sich.
    »Also doch«, sagte sie.
    »Der Holocaust-Heinrich?«, fragte ich erschrocken.
    Esther schüttelte den Kopf.
    »Krankenschwester«, erklärte sie leise und mit gerunzelter Stirn.
    »Ist er etwa …?«, flüsterte ich.
    Esther schüttelte den Kopf und lauschte wieder. Aber ihre Miene blieb traurig.
    Ich hörte mit halbem Ohr, wie Chajm den anderen erklärte, wer der Holocaust-Heinrich war.
    »Also gut«, sagte Esther zum Schluss und setzte sich kerzengerade. »Sagen Sie ihm, dass ich es tue.«
    Dann drückte sie den AUS-Schalter und schrumpfte wieder in sich zusammen.
    »Was tust du?«, erkundigte sich Chajm an meiner Stelle.
    »Nach Auschwitz fliegen. Zu diesem Vortrag. Einer muss ihn ja halten. Und Heinrich hatte vor drei Tagen einen Schlaganfall. Es steht nicht gut um ihn. – Ich weiß nur nicht, ob ich das alles alleine schaffe. Der lange Flug, die Bahnreise nach Oswiecim, der zweiwöchige Aufenthalt dort.«
    Esther seufzte tief. Der Streit mit meiner Großmutter schien ihr mehr zuzusetzen, als sie zugeben wollte.
    Und dann war es Sky, die die Idee hatte und die wir fast drei Monate später in die Tat umsetzen würden.

41. SKY
    Hannah und ich begleiteten Esther auf ihrem Flug nach Krakau in Polen. Von dort würden wir mit der Bahn weiterfahren.
    Es waren Herbstferien.
    Sarah und Yitzchak waren längst zurück in Israel.
    »Wie geht es deiner Großmutter?«, fragte ich Hannah, als wir uns am Flughafen trafen.
    »Etwas besser«, antwortete Hannah. »Sie sucht jetzt nach ihren Wurzeln. Mein Sejde hilft ihr dabei.«
    »Sejde?«, wiederholte ich verwirrt.
    »Mein Großvater«, übersetzte Hannah und lächelte mir

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