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Wenn du mich brauchst

Wenn du mich brauchst

Titel: Wenn du mich brauchst
Autoren: Jana Frey
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wasserfallartigen Geplapper, das sonst alle eher nervte, die Erstarrung zumindest ein bisschen zu lösen.
    »Okay«, sagte Sky und fuhr ihm über die schwarzen, strubbeligen Haare. Godot, der Hund, rannte unruhig durch sämtliche Räume, meine Großmutter ging zurück in die Küche, um nach ihren süßen Bagels zu schauen, die noch im Backofen waren. Meine Eltern versuchten, sich locker und entspannt zu geben, was nicht wirklich gelang, und alle anderen traten sich irgendwie auf die Füße, aber alles war weniger schlimm, als ich befürchtet hatte.
    Chajm, Shar und ich begleiteten Sky, die geduldig Jonathans Zimmer, seine Spielsachen, seine Medikamente und seine Wirbelsäulennarbe bewunderte.
    Ab und zu trafen sich unsere Blicke.
    »Alles in allem eine ziemlich verrückte Sache«, sagte Sky schließlich etwas hilflos und zuckte mit den Schultern, als Jonathan endlich von ihr abließ. Ich nickte zustimmend. »Du hast aber in jedem Fall eine – sehr nette Familie«, fügte sie hinzu.
    »… die ja streng genommen eigentlich deine ist«, sagte Shar. Ihre vielen bunten Zöpfe klimperten dabei und für einen Moment lachten wir, weil es irgendwie guttat, die Wahrheit in so einen harmlosen Satz gepackt zu hören.
    »Alle … sind heute sehr aufgeregt«, erklärte ich dann. »Sonst sind sie normaler, entspannter …«
    Chajm lächelte, beugte sich zu Godot hinunter und spielte mit ihm.
    »Zu Hause in Israel habe ich auch einen Hund«, berichtete er und für einen Moment klang seine Stimme bedrückt. Die israelischen Behörden hatten ihn noch nicht vergessen und durch seine Flucht hatte sich die Situation nicht eben entspannt. Weder behördlich noch familiär. Aber wenigstens hatte er eine vorübergehende Aufenthaltserlaubnis für die Vereinigten Staaten erhalten. Das war immerhin ein Anfang.
    Gleich darauf rief uns meine Mutter nach unten. »Es ist wegen Esther«, sagte sie leise und krauste die Stirn. »Sie hat nach euch gefragt. Mehrfach. Und sie ist schon wieder ziemlich unruhig und gereizt. – Sky, nimm es ihr nicht übel. Sie ist schon fast neunzig – und sie war als junge Frau in Auschwitz. Kurz zuvor wurde ihr kleiner Bruder, der noch ein Kind war, vor ihren Augen von deutschen Soldaten getötet. Und sie selbst hat in Auschwitz unter grauenhaften Umständen ihr eigenes Kind zur Welt bringen müssen, während mein fünfundzwanzigjähriger Großvater schon von den Nazis erschossen worden war. Das alles hat sie bis heute nicht wirklich verarbeitet.«
    Sky nickte betroffen zu diesen Worten, die ich tausendfach kannte, tausendfach gehört hatte, die ein vertrautes Detail meines Lebens waren.
    »Entschuldige, Sky, ich will dich natürlich nicht mit unserer Familiengeschichte überfahren und schon gar nicht mit dem traurigsten Teil davon«, fuhr meine Mutter nervös fort und streichelte für einen Moment Skys Schulter. »Es ist nur, damit du meine Großmutter ein bisschen besser verstehst. Sie … sie ist oft ruppig und gereizt und nicht immer sehr höflich.«
    Sky nickte. »Ist schon in Ordnung – Delia«, sagte sie. »Ich – hatte einen Urgroßvater, mit dem es ähnlich war.«
    Meine Mutter lächelte Sky erleichtert an. »Das klingt gut«, sagte sie dazu. »Ich würde mich freuen, wenn du mir eines Tages auch von ihm erzählst. – Wirst du das tun?«
    »Ja«, antwortete Sky, allerdings erst nach einem kurzen Zögern.
    Esthers Augenlider flatterten wie Kolibriflügel, als wir nach unten kamen.
    »Da seid ihr ja endlich«, begrüßte sie uns und räusperte sich dann. »Du bist also Sky«, fuhr sie fort und musterte ihre neu entdeckte leibliche Urenkelin von Kopf bis Fuß. Dabei hatte sie sie doch vorhin an der Tür bereits gesehen. Ob sie nun ebenfalls damit anfangen würde, wie ähnlich Sky meinen Eltern und Brüdern sein würde? Ich spürte, wie ich Kopfschmerzen bekam.
    »Schön, dass du gekommen bist«, sagte Esther allerdings nur. »Hat Hannah dir also ausgerichtet, dass ich dich sehen wollte?«
    Sky nickte, während meine Großmutter lecker duftende Bagels hereinbrachte und mein Großvater Tee, Kaffee, Cola und Traubensaft.
    »Ich hatte einen bestimmten Grund, dich herzubitten«, sagte Esther, als wir uns alle gesetzt hatten. Nur Jonathan war, versehen mit Bagels und Saft, zurück in sein Zimmer komplimentiert worden, wo er sich Die Rückkehr der Jedi-Ritter ansah und auf Arik wartete, der zum Übernachten kommen würde.
    »Ich … ich habe etwas zu berichten – zu berichtigen, ehe ich vorher versehentlich ins

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