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Welskopf-Henrich, Liselotte - Das Blut des Adlers 4 - Der siebenstufige Berg

Welskopf-Henrich, Liselotte - Das Blut des Adlers 4 - Der siebenstufige Berg

Titel: Welskopf-Henrich, Liselotte - Das Blut des Adlers 4 - Der siebenstufige Berg
Autoren: Liselotte Welskopf-Henrich
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Ein Büffel stand im Weg
     
    Chester Carrs Paßmerkmale lauteten: Augen blau, Haar blond, mittelgroß, besondere Kennzeichen: keine. Er war im Staate Mississippi geboren. Seine Eltern hatten ihn mit finanziellen Opfern in einem Privatinternat erziehen lassen, um ihn von den politischen und sozialen Streitigkeiten fernzuhalten und aus ihrem einzigen Sohn einen zuverlässigen Südstaatler zu machen. Chesters Leistungen in den Schulfächern waren so mäßig wie gleichmäßig gewesen. Seine Lehrer konnten ihn weder faul noch fleißig nennen. Er galt als ein Sportsmann, dessen Leistungen kaum schwankten und dessen Einsatz daher stets zuverlässig berechnet werden konnte. Auf Grund solchen Rufes war er ungeschoren durch seine Schul- und seine Collegezeit gegangen. Er teilte stets die tonangebenden Meinungen der Bürger von Mississippi, mit deren Söhnen er aufgewachsen war. Und er war immer Glied irgendeines Teams, eingepaßt wie ein Rädchen in eine präzis laufende Maschine. Nie wäre ihm ein Alleingang reizvoll erschienen. Er gehörte noch zu jener Generation, die schon in jungen Jahren nicht als ein odd ball, nicht als Außenseiter angesehen werden wollte. Bei allen Aktionen gegen Neger konnte man auf Chester zählen. Er sympathisierte mit dem Ku-Klux-Klan. Da sein Vater Mitglied der Nationalgarde war und der NRA – der National Rights Association – angehörte, hatte Sohn Chester sich von seinem zehnten Lebensjahr an unter sachverständiger Anleitung im Scharfschießen geübt. Nie hatte er einen Farbigen persönlich kennengelernt. Die Tatsache, daß seine Eltern und er von einer alten schwarzen Frau bedient wurden, rechnete er nicht dem Begriff »persönliche Beziehungen« zu. Gesetz und Ordnung, wie man sie in der middle class und der upper middle class im Staate Mississippi seit vielen Generationen verstand, hatten in Chester Carr von neuem Fleisch und Blut gewonnen.
    Aber eben dadurch waren sie auch verletzlich geworden wie alles Lebendige.
    Nach dem Abschluß des College erfuhr Chester, daß es schwierig sei, einen passenden Job für ihn zu finden. Er begegnete dieser unerwarteten Situation mit dem Erstaunen, das jeden Amerikaner hätte befallen müssen, wenn die Industrie seiner Normalfigur keinen passenden Konfektionsanzug hätte anbieten können. In einer Verlegenheitsstunde, deren psychische Verwirrung er auch später nie ganz enträtselte, nahm Chester den ersten sich bietenden Job an, vielleicht nur, um nicht aus der gewohnten Rolle des tätigen und gesicherten Staatsbürgers zu fallen. Er trat in den großen Apparat des Bureau of Indian Affairs ein, das eine Stelle anbot, wurde Glied dieses Teams von merkwürdigen Beamtenexistenzen, die Wilde erziehen sollten, und versuchte sich dem anzupassen. Es gelang ihm nur halb, das Rädchen paßte nicht in diese Maschine, es lief mit Reibungsverlust. Doch lief es immerhin. Wenn Mr. Carr selbstbewußt, pünktlich, korrekt seine Amtsgeschäfte erledigte, wenn er stets mit entschiedener Stimme sprach und seine Haltung keine Zweifel zuließ, so nahm kein Kollege, Vorgesetzter oder Untergebener, äußerlich etwas von dem Riß wahr, der dabei durch Chesters Nervenstruktur lief und sich unmerklich erweiterte. Es widerstrebte ihm nun einmal, sich mit Farbigen abzugeben. Der verborgene Riß verband sich mit anderen wachsenden Spannungen und schmerzte zuweilen.
    Mit Erschrecken hatte Chester im Alter von 45 Jahren bemerkt, daß sein eigener Sohn gegen das väterliche Welt- und Lebensmodell rebellierte. Chester schämte sich, wurde erregt und sagte sich von seinem Sohn Clyde los. Er verwehrte ihm das Betreten seiner Dienstwohnung; er verbot ihm unter Androhung der Verhaftung, sich irgendwo und irgendwie auf der Reservation blicken zu lassen, auf der sein Vater amtierte. Sehr erleichtert nahm Carr seine eigene Versetzung auf eine andere Reservation an, obgleich diese in einem Nordstaat lag. Wenn es schon Carrs schwer verständliches Dauerschicksal geworden war, sich mit Wilden zu befassen, so wollte er wenigstens alle seine Meinungen und Erfahrungen völlig ungestört und ohne die Vorbelastung eines sichtlichen Mißerfolgs in der Familie einsetzen.
    Mit verbissener Energie machte sich Chester Carr in neuer Umgebung wieder an seinen Auftrag, die Eingeborenen zu regieren, die bedauerlicherweise nicht rechtzeitig ausgerottet worden waren. Chester Carr saß auf dem Amtsstuhl, von dem aus sich seine Vorgänger Hawley, Bighorn und Albee vergeblich bemüht hatten, die einem

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