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Was die Toten wissen

Was die Toten wissen

Titel: Was die Toten wissen
Autoren: Laura Lippman
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Kapitel 1
    Ihr Magen verkrampfte sich, als der Wasserturm in Sicht kam. Er überragte die kahlen Bäume, erinnerte an ein Raumschiff, das auf der Erde gelandet war. Der Wasserturm war bei dem Spiel, das sie früher immer im Auto gespielt hatten, ein wichtiges Erkennungszeichen gewesen, auch wenn es nicht das Gebäude war, um das es in Wirklichkeit ging. War jedoch erst einmal die weiße Scheibe auf den langen, dürren Beinen gesichtet worden, wusste man, dass es Zeit war, sich bereitzuhalten, wie ein Läufer am Startblock. Auf die Plätze, fertig, ich sehe - wer das Kaufhaus in der Kurve als Erster erspähte, würde gewinnen.
    Es hatte gar nicht als Spiel begonnen. Anfangs hatte sie sich das Ganze nur für sich ausgedacht, ein Ablenkungsmanöver, um sich die Langeweile auf der Zweitagestour von Florida hoch ein wenig zu vertreiben. So weit sie zurückdenken konnte, waren sie jede Winterferien nach Florida gefahren, obwohl niemand an dem Besuch bei ihrer Großmutter Freude hatte. Ihre Wohnung in Orlando war eng und muffig, das Essen ungenießbar, und ihre Hunde kläfften bösartig. Alle waren unglücklich, sogar ihr Vater, vor allem ihr Vater, obwohl er vorgab, es nicht zu sein, und zutiefst beleidigt war, wenn irgendwer auf die Idee kam, seine Mutter als das zu bezeichnen, was sie in Wirklichkeit war – knauserig, verschroben und unfreundlich. Dennoch konnte auch er kaum seine Erleichterung verbergen, wenn es wieder nach Hause ging. Bei jeder Bundesstaatengrenze, die sie überquerten, sang er den Namen des neuen Staates. Georgia dröhnte er mit Ray-Charles-Schmelz.

    Sie übernachteten in irgendeinem billigen Motel und fuhren am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang weiter, erreichten bald darauf South Carolina – »Nichts ist feina!« -, gefolgt von den langen, öden Durststrecken durch North Carolina und Virginia, wo das einzig Bemerkenswerte die Rast fürs Mittagessen in Durham und die tanzenden Zigarettenschachteln auf den Werbetafeln um Richmond waren. Dann endlich Maryland, wunderbares Maryland, geliebtes Maryland, danach waren es nur noch etwa fünfzig Meilen, damals eine knappe Stunde Fahrt. Heute hatte sie bereits fast doppelt so lange für dieselbe Strecke gebraucht. Auf der Autobahn war es anfangs nur ganz langsam vorangegangen, doch der dichte Feierabendverkehr löste sich allmählich auf, und es lief wieder besser.
    Ich sehe …
    Hutzler’s war das prächtigste Kaufhaus der Stadt. Zu Weihnachten wurde dort immer ein riesiger Plastikkamin aufs Dach gesetzt, auf dem ein Weihnachtsmann rittlings schwebte. Kam der Weihnachtsmann gerade an, oder war er schon wieder im Aufbruch begriffen? Sie konnte sich nie entscheiden. Sie achtete auf das leuchtende Rot des Weihnachtsmanns, das sichere Zeichen, dass es nicht mehr weit nach Hause war – so wie bestimmte Seevögel einem Kapitän verrieten, dass bald Land in Sicht war. Es war ein persönliches Ritual, so wie sie die Streifen der Mittellinie zählte, die unter den Vorderrädern verschwanden. Das sollte offenbar gegen Übelkeit beim Autofahren helfen, die sie nie ganz losgeworden war. Selbst damals war sie schon verschlossen; war ihr der Unterschied bewusst zwischen Exzentrizität, die interessant sein konnte, und zwanghaften Angewohnheiten, die etwas Kauziges an sich hatten, so wie bei ihrer Großmutter. Oder wie bei ihrem Vater. Aber eines Tages war es ihr herausgerutscht, freudig und unaufgefordert, ein weiterer Dialog mit ihr selbst, der in die Welt entkommen war:
    »Ich sehe, ich sehe das Hutzler.«
    Im Gegensatz zu ihrer Mutter und Schwester hatte ihr Vater
sofort erkannt, worum es ging. Offenbar erfasste ihr Vater immer alles sofort. Das war sehr tröstlich gewesen, solange sie noch ganz klein war, doch nun fand sie sein Verhalten ziemlich anmaßend. Das Problem lag darin, dass ihr Vater darauf bestanden hatte, ihr kleines Suchspiel in ein Spiel für alle umzumünzen, daraus sogar einen Wettbewerb zu machen. Was einstmals ausschließlich ihrs gewesen war, musste sie nun mit der ganzen Familie teilen. Ihr Vater hatte es stets sehr mit dem Teilen und wollte, dass alle an allem teilhaben sollten. Er fand, lange, sich ewig hinziehende Familiendebatten, offene Türen, zwangloses Unbekleidetsein hätten etwas Gutes, bis ihm ihre Mutter Letzteres ausgeredet hatte. Wenn man versuchte, etwas für sich zu behalten, beschuldigte er einen, selbstsüchtig zu sein – egal ob das nun eine Tüte Bonbons war, die man sich von seinem eigenen Geld gekauft hatte, oder

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