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Wallander 04 - Der Mann, der lächelte

Wallander 04 - Der Mann, der lächelte

Titel: Wallander 04 - Der Mann, der lächelte
Autoren: Henning Mankell
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    Nebel.
    Er schleicht lautlos heran wie ein Raubtier, dachte er. Ich werde mich nie daran gewöhnen, dachte er, obwohl ich mein ganzes Leben in Schonen verbracht habe, wo der Nebel die Menschen ständig in Unsichtbarkeit versinken läßt.
     
    Es war am 11.   Oktober 1993, neun Uhr abends.
    Der Nebel zog rasch vom Meer her auf. Er war im Auto auf dem Heimweg nach Ystad und hatte Brösarps Backar passiert, als sein Wagen direkt in den weißen Dunst hineinfuhr.
    Sofort wurde er von Panik erfaßt.
    Ich fürchte mich vor Nebel, dachte er. Dabei sollte ich eher den Mann fürchten, den ich eben auf Schloß Farnholm besucht habe. Diesen freundlichen Mann, dessen Mitarbeiter sich stets diskret im Hintergrund halten, damit ihre Gesichter im Schatten bleiben. Irgendwie bedrohlich. An ihn sollte ich denken, denn ich weiß nun, was sich hinter seinem freundlichen Lächeln verbirgt, hinter dieser Maske des unbescholtenen, über jeden Verdacht erhabenen Bürgers. Vor ihm sollte ich mich fürchten, nicht vor dem Nebel, der aus der Bucht von Hanö herantreibt. Jetzt, da ich weiß, daß er nicht zögert, Menschen zu töten, die ihm im Wege stehen.
     
    Er ließ die Scheibenwischer laufen, denn in der Feuchtigkeit beschlug die Frontscheibe ständig. Er fuhr nicht gern im Dunkeln. Die Fahrbahn reflektierte das Scheinwerferlicht, so daß er kaum die Hasen erkennen konnte, die vor ihm über die Straße wirbelten.
    Ein einziges Mal, vor über dreißig Jahren, hatte er einen Hasen überfahren. Es war auf dem Weg nach Tomelilla, an einem |8| Frühlingsabend. Er erinnerte sich daran, wie sein Fuß zu spät auf die Bremse getreten hatte. Es folgte der sanfte Stoß gegen die Karosserie. Er hatte angehalten, war ausgestiegen und zu dem Hasen gelaufen, der ihn ununterbrochen anstarrte. Der Körper schien bereits gelähmt, nur die Hinterläufe zappelten noch. Er hatte sich gezwungen, nach einem Stein zu suchen, und die Augen geschlossen, als er den Hasenschädel zertrümmerte. Dann war er zum Wagen zurückgegangen, ohne sich noch einmal umzudrehen.
    Die Augen des Hasen und die wildstrampelnden Läufe hatte er nicht vergessen können. Er war das Bild einfach nicht losgeworden. Er sah es immer wieder vor sich, ganz unvermutet.
    Er versuchte, das Unbehagen abzuschütteln.
    Ein Hase, der seit dreißig Jahren tot ist, kann einen Menschen verfolgen, ohne damit Schaden anzurichten, dachte er. Ich habe mit den Lebenden mehr als genug zu tun.
    Plötzlich wurde ihm bewußt, daß er ungewöhnlich oft in den Rückspiegel schaute.
    Wieder dachte er: Ich habe Angst. Jetzt erst wird mir klar, daß ich auf der Flucht bin. Ich fliehe vor dem, was sich hinter den Mauern von Schloß Farnholm verbirgt. Und ich weiß, daß sie wissen, daß ich weiß. Aber wieviel? Genug, um sie zu beunruhigen: Ich könnte den Eid brechen, den ich einst als junger Anwalt nach dem Examen abgelegt habe, zu einer Zeit, als der Eid noch eine heilige Verpflichtung beinhaltete. Fürchten sie das Gewissen eines alten Anwalts?
    Es blieb dunkel im Rückspiegel. Er war allein im Nebel. In einer knappen Stunde würde er wieder in Ystad sein.
    Der Gedanke erleichterte ihn für einen Augenblick. Sie waren ihm also nicht gefolgt. Morgen würde er entscheiden, was zu tun war. Er würde mit seinem Sohn sprechen, der als sein Teilhaber ebenfalls in der Kanzlei tätig war. Es gab immer eine Lösung, das hatte ihn das Leben gelehrt. Also mußte auch diesmal eine zu finden sein.
    Er tastete im Dunkeln, um das Radio anzustellen. Eine Männerstimme erklang und berichtete über neue gentechnische Erkenntnisse. Die Worte strömten durch sein Bewußtsein, |9| ohne sich festzusetzen. Er schaute auf die Uhr; es war gleich halb zehn. Im Rückspiegel war es immer noch schwarz. Der Nebel schien dichter zu werden. Dennoch erhöhte er vorsichtig den Druck aufs Gaspedal. Mit jedem Kilometer, den er zwischen sich und Schloß Farnholm brachte, fühlte er sich ruhiger. Vielleicht war seine Furcht trotz allem unbegründet?
    Er versuchte, sich zu klarem Denken zu zwingen.
    Wie hatte es angefangen? Ein Routinegespräch am Telefon, ein Zettel auf seinem Schreibtisch: Ein geschäftlicher Vertrag mußte dringend durchgesehen werden. Der Name des Mannes war ihm unbekannt. Aber er hatte zurückgerufen; ein kleineres Anwaltsbüro in einer unbedeutenden schwedischen Stadt konnte es sich nicht leisten, Kunden leichthin abzuweisen. Er erinnerte sich gut an die Stimme am Telefon: erfahren, mittelschwedischer Dialekt, präzise

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