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Waldstadt

Waldstadt

Titel: Waldstadt
Autoren: B Leix
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    Stockdunkel sind die Nächte im Karlsruher Hardtwald eigentlich nie. Die unzähligen Lichter der Stadt bringen immer eine leichte Helligkeit zwischen die alten Kiefern und Eichen. Sie reflektieren an niedrigen Wolken oder verstärken das Mondlicht bei klarem Himmel.
    Auch über der Stutenseer Allee lag in der Juninacht ein leichter Schimmer.
    Er konnte das leichte Restlicht gut wahrnehmen, seine Augen hatten sich daran gewöhnt, denn er wartete schon über eine Stunde am Rand der schnurgeraden Allee im Schatten eines dicken Kiefernstammes.
    Die Radfahrer, die ab und zu vorbeikamen, bemerkten ihn nicht. Sie sahen nur, was im Schein ihres Lichtkegels auftauchte. Genauso die beiden Joggerpärchen, deren auf- und niederhüpfende Stirnlampen er schon von Weitem kommen sah.
    Vor einem Hund musste er sich eher in Acht nehmen, doch auch das machte ihm nur wenig Sorgen. Den Fußpfad ins Innere des Dickichts schaffte er mit geschlossenen Augen. 20, 30 Mal hatte er geübt, bei Tag, dann in der Dämmerung, schließlich bei vollständiger Dunkelheit. Die Zahl seiner Schritte bis zur nächsten Biegung zählte er ab. Die Strecke war freigeräumt, kein Ästchen, über das er hätte stolpern können. Schließlich ging sein Trampelpfad in einen etwas breiteren Weg über. Weiter hinten floss der Verkehr auf der Theodor-Heuss-Allee in Richtung Waldstadt.
    Mit dieser Rückzugsmöglichkeit und einer vollen Dose Pfefferspray für ganz aufdringliche Köter fühlte er sich gut gerüstet.
    Lange hatte er nach den dunklen Sportschuhen gesucht. Es gab fast nur Modelle mit reflektierenden Einsätzen, doch schließlich entdeckte er auf dem Flohmarkt ein älteres Paar schwarze Reeboks. Jeans und Sweatshirt, ebenfalls in Schwarz, machten ihn nahezu unsichtbar. Eine dünne Motorradmaske ließ nur die Augen frei und genarbte Lederhandschuhe in kohlenstaubfarbenem Anthrazit schützten seine Hände.
    Zufrieden lehnte er sich an den Baum. Seine vierte Nacht an diesem Platz. Fünf lange Schritte bis zur Mitte der Fahrbahn.
     
    Trotz der Dunkelheit war reger Verkehr auf der Allee. Viele Radler nahmen diese Waldstrecke, wenn sie von der City nach Hause fuhren. Die einen in die Waldstadt, manche nach Büchig oder Blankenloch. Auch ein paar Läufer trabten vorbei, meist mit den Stöpseln eines MP3-Players in den Ohren. Von keinem wurde er wahrgenommen.
    Nach Mitternacht kam fast niemand mehr.
    Er schaute Richtung Schloss, dem Ursprung aller Hardtwald-Alleen. Von dort verliefen sie wie Lichtstrahlen, wie ein Fächer. Nach Norden in den Wald, nach Süden in die Stadt hinein, in die Fächerstadt.
    Er bemerkte ein einzelnes Licht. Es kam langsam näher. Ein Schauer durchlief ihn. Denselben Schauer hatte er auch gespürt, wenn er es sich vorstellte. Elektrisierend, wohlig, fröstelnd, ängstlich, erwartungsvoll.
    Das erste Mal, die Premiere. Er musste es tun. Bis ins Kleinste war alles ausgetüftelt. Wenn kein weiteres Licht kam …
    Er schrak zusammen. Hinter ihm im Bodenlaub ein Rascheln. Es waren nur zwei Mäuschen, leise wispernd. Draußen im Gras an der langen Allee konnten sie leichte Beute einer lautlos jagenden Eule werden. Weiter drin waren sie geschützt, da drohten ihnen allenfalls Fuchs oder Wiesel.
    Auch er stand verdeckt, fühlte die Kiefernborke. Mal glatt, mal rau, er konnte es sogar durch das Leder spüren, handbreite Stücke, abblätternd, dazwischen tiefe Furchen.
    Gebannt starrte er auf den langsam größer werdenden Lichtpunkt. In der anderen Richtung? Dunkelheit!
    Es würde passen, jetzt, in dieser Juninacht.
    Er schob die Hände in die Taschen seines Kapuzenshirts und spürte das flexible Metall.
     
    Carsten Blees war in Gedanken. Die zwei Mädchen auf dem Sommerfest der Uni, spärlich bekleidet zeigten sie viel Haut in der warmen Nacht. Die legen es doch drauf an, hatte er gedacht. Langsam waren sie sich nähergekommen, er holte sich noch ein Bier und kam zurück, leer der Platz, es sollte wohl nicht sein. Er ärgerte sich und trat fester in die Pedale.
    20 Minuten noch. Auch bei Dämmerlicht war er auf der Stutenseer Allee schon öfter mal heimwärts gefahren. So tief in der Nacht zwar noch nie, aber viele Abzweigungen gab es ja nicht.
    Ein schwarzer Schatten stürzte von rechts auf ihn zu, prallte hart mit ihm zusammen, warf ihn um, stieß ihn samt Rad zu Boden.
    Er schrie vor Schmerz auf, zwei Sekunden lang, dann schnürte ihm der biegsame Draht die Kehle zu. Er versuchte, sich zu wehren, ruderte panisch durch die Luft, bekam aber

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