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Vorn

Titel: Vorn
Autoren: Andreas Bernard
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    In dem Sommer, als Tobias Lehnert zum
Vorn -
Magazin kam, lag sein Abschluss an der Universität ein halbes Jahr zurück. Die vier oder fünf Leute, mit denen er gemeinsam
     die Seminare besucht und die Mittagspausen verbracht hatte, beschäftigten sich schon längst mit der Vorbereitung ihrer Doktorarbeit.
     Tobias dagegen wollte erst einmal nichts mehr mit Büchern zu tun haben; er hatte seit der letzten Prüfung im Januar nicht
     einmal die Kraft gehabt, die Papierstöße mit Kopien und Exzerpten wegzuräumen, die sich die ganze Examenszeit über neben seinem
     Schreibtisch aufgetürmt hatten. Natürlich hätte auch er mit einer Doktorarbeit beginnen können, doch beim Gedanken an die
     Universität spürte Tobias weiterhin nichts als Überdruss. Er bemerkte das vor allem, wenn er seine Freunde, die schon wieder
     jeden Vormittag in der Bibliothek saßen, wie früher in der Cafeteria der Kunstakademie zum Mittagessen traf. Sobald Tobias
     sich von der breiten Ludwigsstraße aus dem Universitätsviertel näherte, stellte sich ein leises Verlorenheitsgefühl in ihm
     ein. Die Luft schien drückender zu werden, so als würde er einen Durchgang passieren, eine unsichtbare Verengung, bevor er
     das belebte Karree zwischen Schelling-, Türken- und Adalbertstraße betrat. In dem anfangs so freundlichen Ensemble aus Universitätsgebäuden,
     Buchantiquariaten und Cafés fielen ihm jetzt nur noch die Risse auf, die befremdlichen, |6| ins Endlose verlängerten Studentenexistenzen etwa, Obdachlose des akademischen Milieus, die draußen an den Tischen ihre verlässlichen
     Stammplätze einnahmen. Und wenn sein Blick im Gehen die Schaufenster der Antiquariate streifte, so automatisch wie in den
     Jahren zuvor, sah er, dass die alten Gesamtausgaben immer noch unberührt an derselben Stelle standen.
     
    In dieser Zeit nahm Tobias lieber so viele Schichten wie möglich in der Flüchtlingsunterkunft an, in der er schon seit Jahren
     als Betreuer arbeitete. Der Studentenjob war gut bezahlt, und meistens tat er ohnehin nichts anderes, als stundenlang mit
     den bosnischen und vietnamesischen Kindern Fußball oder Tischtennis zu spielen. So oft es ging, war er in den Monaten nach
     seinem Abschluss auch unterwegs. An vielen Wochenenden begleitete er die Band Undone im Tourbus zu Konzerten, die in München
     und Umgebung gerade für Aufsehen sorgte mit ihrem brachialen Hardcore und einem an Wagner-Opern geschulten Sänger. Und mit
     seiner Freundin Emily unternahm er immer wieder längere Reisen: Sie fuhren in ein Fischerdorf auf den Kanarischen Inseln,
     wo sie die Stunden vor dem Abendessen immer in einem Spielsalon auf der Hauptstraße verbrachten, an den schlecht funktionierenden,
     abgespielten Flippern mit ihren schon ausgeblichenen Spielfeldern, deren Zustand sie an ihr eigenes Körpergefühl nach einem
     Tag am Strand erinnerte, an die trockene, von Sandkörnern bedeckte Haut. Sie reisten auf den Spuren seiner Familie durch Böhmen,
     wo sie aber die meisten Orte nicht finden konnten, weil Tobias’ Vater ihnen vor der Abfahrt wie selbstverständlich nur die
     deutschen Namen der |7| Dörfer gesagt hatte, in denen den Großeltern vor dem Krieg ein paar Gaststätten gehörten. (In dem böhmischen Landstrich war
     dann niemand aufzutreiben, der noch die alten Namen kannte.) Und sie verbrachten, nun schon zum dritten Mal, ein paar Wochen
     gemeinsam in Amerika, die erste Hälfte in New York, die zweite in Kalifornien bei Tobias’ Verwandten.
     
    Tobias wusste genau, dass er auf keinen Fall wie viele seiner älteren Teamkollegen in der Unterkunft enden wollte, die den
     bequemen Arbeitsbedingungen dort erlegen waren und sich in dem Job auf Dauer eingerichtet hatten. Doch spätestens nach der
     Rückkehr aus Amerika steigerten sich langsam die Zweifel in ihm: Er hatte jetzt vier, fünf Monate nur in dem Heim gearbeitet
     oder Urlaub gemacht, und seine anhaltende Gelassenheit, wie es nach der Universität weitergehen würde, wich einem immer größeren
     Unbehagen. Es häuften sich die Stunden, an denen er ratlos in der kleinen Küche seines Ein-Zimmer-Apartments saß, an dem ovalen
     Marmortisch, den er von Tag zu Tag hässlicher fand. Aus Langeweile begann er irgendwann damit, sein altes, um unzählige lose
     Zettel ergänztes Telefonbuch in einen neuen Notizblock zu übertragen: eine Arbeit, die ihn tatsächlich längere Zeit beschäftigte.
     Das bloße Abschreiben erschien ihm dabei wie ein Sinnbild seiner

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