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Vor dem Urknall

Vor dem Urknall

Titel: Vor dem Urknall
Autoren: Brian Clegg
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Wahrheit zu erklären oder eine wichtige Information in einer Weise zu vermitteln, die deren Verständnis und vor allem ihre Verinnerlichung erleichtert.
    Die Behauptung, die Schöpfungsgeschichte sei mythischen Ursprungs, steht durchaus nicht im Widerspruch dazu, dass die Bibel das Wort Gottes darstellt, auch wenn viele Leute glauben, das Buch der Bücher beruhe ausschließlich auf Tatsachen. Die meisten Bibelwissenschaftler betrachten die Schöpfungsgeschichte als einen funktionalen Mythos, was im Einklang mit dem Wesen der Bibel in ihrer Gesamtheit stehen muss, wenn dem so sein soll. Nur ein geringer Teil dieser Sammlung von Schriften ist Geschichte. Die Bibel ist eine allgemeine Gebrauchsanleitung für ein Leben mit religiösen Richtlinien, Grundsätzen und Vorschriften, darüber hinaus enthält sie Liebeslyrik und Liebeslieder, aber nur wenige Teile entsprechen dem modernen Geschichtsbegriff (vom wissenschaftlichen Aspekt einmal ganz zu schweigen).
    So enthält etwa das Neue Testament größere Widersprüche zwischen den verschiedenen Evangelien, obwohl es oberflächlich betrachtet eine historische Abhandlung darstellt. Dies spielte für die Verfasser dieser Schriften jedoch keine Rolle, lag es doch nicht in ihrer Absicht, geschichtliche Ereignisse niederzuschreiben; vielmehr war ihnen daran gelegen, Jesus Christus und seine Jünger in ihrem Wesen zu beschreiben. Aus den Evangelien wissen wir, dass Jesus oft Parabeln (man könnte auch von Mini-Mythen sprechen) gebrauchte – fiktive Geschichten mit einem bemerkenswerten Lerneffekt. Ist die Bibel, wie viele Menschen glauben, das Wort Gottes, gibt es keinen Grund, warum sie nicht auch anschauliche Geschichten dieser Art enthalten sollte, und genau als solche sollten wir die beiden in der Genesis aufgeführten Beschreibungen der Entstehung der Welt betrachten.
    Die Juden leiteten ihre Schöpfungsmythen von früheren babylonischen Mythen ab, allerdings setzten sie andere Schwerpunkte, weshalb sie die Geschichten in ihrer Form modifizierten. Die Genesis beginnt mit dem klassischen Sechstagewerk der Schöpfung, bei uns dagegen mit der Schaffung von Himmel und Erde aus dem Nichts; der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser, was aus heutiger Sicht verwirrend anmutet. Dies spiegelt jedoch eine gängige kosmologische These aus jener Zeit wider, wonach alles aus Wasser geschaffen wurde, weshalb «die Wasser» vor der Schöpfung des Universums existiert haben müssen. Woher diese Wasser stammten, wird allerdings nicht erläutert.
    Zuerst wird das Licht geschaffen; der Himmel wird von den Wassern getrennt, und das Himmelsgewölbe wird errichtet; Land und Wasser auf der Erde werden getrennt, und die Pflanzen werden erschaffen; Sonne, Mond und Sterne werden ans Himmelsgewölbe gebracht und schließlich lebende Kreaturen und zu guter Letzt die Menschen erschaffen. Dieser Mythos beschreibt die Rolle Gottes als Schöpfer, was dem darauffolgenden Mythos des Garten Eden völlig zuwiderläuft, ist dieser doch aus historischer Sicht mit der ersten Schöpfungsgeschichte unvereinbar, da er die Erschaffung des Menschen zeitlich vor die der Tiere stellt. Die Aufgabe dieses zweiten Mythos besteht darin, sowohl unsere Rolle als Verwalter der Erde als auch das Wesen der Sünde zu beschreiben.
    Dass das Licht vor der Sonne und den Sternen geschaffen wurde, erschien den Wissenschaftlern früher als ein besonders merkwürdiger Punkt in der Schöpfungsgeschichte; doch wie es der Zufall will, steht dieser Sachverhalt inzwischen mit den gängigen wissenschaftlichen Theorien von heute durchaus im Einklang. Wie wir später sehen werden, geht man heute davon aus, dass das Universum lange vor der Entstehung der Sterne voller Licht war. Dies jedoch als einen verbrieften Teil der Schöpfungsgeschichte zu verbuchen hieße, abermals das Thema zu verfehlen, ist die Funktion eines Mythos doch gänzlich andersgeartet als die einer wissenschaftlichen oder geschichtlichen Abhandlung.
    Berücksichtigen wir dies, wird es erheblich einfacher, sowohl die Verschiedenartigkeit als auch die Befremdlichkeit vieler der in unserer Welt kursierenden Schöpfungsmythen zu verstehen. Sie können in der Tat nicht alle «richtig» im Sinne einer wissenschaftlichen Beschreibung der Anfänge des Universums sein, und manche scheinen aus heutiger Sicht gar wesentlich unglaubhafter als die Version der Genesis im ersten Buch Mose, aber schließlich waren sie auch nie dazu bestimmt, eine genaue Beschreibung tatsächlicher Ereignisse

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