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Vom Kämpfen und vom Schreiben

Vom Kämpfen und vom Schreiben

Titel: Vom Kämpfen und vom Schreiben
Autoren: Carla Berling
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kontrollieren. Leider hatte ich bei meinem Verlangen nach Geld und Äußerlichkeiten vergessen, in der Schule zu lernen. Ich hatte nicht begriffen, dass eine gute Ausbildung den Grundstein für meinen geplanten Wohlstand bilden könnte. Ich blieb in der zehnten Klasse sitzen. Danach begann ich eine Lehre im Hotel. Dort gefielen mir die Arbeitszeiten nicht, und ich brach die Lehre ab. Ich bekam eine Lehrstelle in einem anderen Hotel. Dort gefiel mir die Chefin nicht, und ich brach die Lehre ab. Nun griffen meine Eltern ein, denn 1977 herrschte Lehrstellenknappheit und mit zwei abgebrochenen Ausbildungen stand ich dumm da. Ich machte eine Ausbildung zur Verkäuferin. Gleich danach fing ich in einer Boutique an. Wenige Monate später war ich neunzehn Jahre alt und Filialleiterin. Ich verdiente tausendfünfhundert Mark im Monat und zeigte allen den Mittelfinger. Ich pfiff, und zwar laut.
    In dieser Zeit lernte ich meinen ersten Verlobten kennen und zog mit ihm zusammen. Nach der Arbeit, ich war erst gegen acht Uhr abends zu Hause, putzte ich die Wohnung, wusch, bügelte und kochte. Sonntags ging er zum Frühschoppen, ich schmorte Rouladen und wartete, dass er zum Essen kam. Oft wartete ich bis abends. Eines Tages übernahmen wir eine Gaststätte. Es war schon immer der Traum meines Verlobten gewesen, eine Gaststätte zu haben. Ich gab meinen Job in der Boutique auf und wurde Wirtin, trug weiße Kittel und Schlappen mit Fußbett, zapfte Bier, lernte Skat spielen und briet Frikadellen. Ich war zwanzig Jahre alt und lebte das Leben meiner Eltern nach, die sich inzwischen als Gastwirte in unserer Kleinstadt etabliert hatten.
    Eines Tages erwischte ich meinen Verlobten mit einer anderen im Bett. Das war das Beste, was mir passieren konnte. Ich war eine Woche lang todunglücklich. Und dann löste sich der Knoten. Ich nahm mir eine eigene Wohnung, drehte den Schlüssel in der Kneipe für immer um, bekam einen Job als Thekenbedienung in einem Pub und verließ meinen Verlobten.
    Ich war endlich frei. Und ich pfiff wieder.
    Allerdings war diese Freiheit teuer, denn die Kneipe hatte mir fünfundsiebzigtausend Mark Schulden beschert, die ich später alleine abzahlen musste.
    Wenige Wochen später eröffnete mein Chef ein Restaurant und ernannte mich zur Leiterin. Das war 1982. Ich blieb viele Jahre dort, erlebte tolle Stunden und lernte unzählige Leute kennen. Und einen Discjockey, der mich faszinierte, weil er so anders war als die Schlipsträger im Restaurant. Hardy hatte schulterlange Locken und trug knallrote Schuhe. Meine Mutter war entsetzt, als sie ihn zum ersten Mal sah. Ein Mann mit Dauerwelle und roten Schuhen! Mehr Gegenteil zu meinem Vater war ja auch kaum möglich. Wir kannten uns etwa einen Monat, als wir zusammenzogen. Er lehrte mich das Staunen: Hardy bügelte seine Sachen selbst, konnte wesentlich besser kochen als ich, räumte seinen Kram selbst weg und ließ sich niemals von mir bedienen. Er bevormundete mich nicht und ließ mir alle Freiheiten, die ich komischerweise gar nicht mehr brauchte.
    Ich lernte daraus: Es geht auch ganz anders.
    Wir heirateten eigentlich nur, um die Leute zu schockieren, weil wir nach deren Meinung nicht zusammenpassten.
    Wir lebten ganz anders als meine Eltern: Wir arbeiteten nachts und schliefen bis mittags, wir machten den Haushalt gemeinsam, es gab keine Regeln und keine Absprachen. Ab und zu jobbte ich als Mannequin auf Modenschauen, arbeitete tagsüber zusätzlich in einer Boutique und in einem Schallplattenladen, wir hatten beide Tag und Nacht zu tun und fühlten uns frei und stark. Später begannen wir beide bei einer großen Versicherung.
    Hardy ließ sich die Haare schneiden, trug nun Krawatten und war eine Führungskraft. Ich kündigte im Restaurant, kaufte mir ein Kostüm und tat es ihm gleich. Ich ging Klinken putzen und verkaufte Lebens- und Krankenversicherungen, rekrutierte und unterrichtete neue Mitarbeiter, besuchte Seminare und Kongresse, gewann Reisen nach Paris, Finnland und Afrika. Wir übernachteten in noblen Hotels und fühlten uns wie Leute aus der High Society. Und ich pfiff wieder, ganz laut, und niemand drehte mir meinen Hals um.
    Sie erinnern sich: Ich wollte nie Kinder haben.
    Sie bedeuteten für mich wenig Geld und ein verhärmtes Gesicht. 1988 wurde unser erster Sohn geboren, zwei Jahre später der zweite. Die Geburten meiner Kinder waren die wunderbarsten Momente meines Lebens. Ich fühlte mich danach bärenstark und bedauerte die armen Männer, weil sie

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