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Vom Kämpfen und vom Schreiben

Vom Kämpfen und vom Schreiben

Titel: Vom Kämpfen und vom Schreiben
Autoren: Carla Berling
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hilft mir und meiner Familie ein gutes Stück weiter. Empfehlen Sie das Buch all ihren Freunden und Bekannten, bitte! Eigentlich habe ich mir mein erstes Buch ganz anders vorgestellt, und erst recht die Umstände, unter denen es entstehen sollte.
    Ich wollte ein großes weißes Haus, mit Säulen vor dem Portal und ondulierten Buchsbäumchen in Terrakottatöpfen neben der Eingangstür. Ich hatte in meinen Träumen ein Arbeitszimmer, dessen Wände vom Boden bis zur Decke mit Büchern bedeckt waren, und einen englischen Schreibtisch mitten im Raum. Ich stellte mir ein Kaminfeuer vor, das knisterte und flackerte und weiche Schatten an die Bücherwände warf …
    Wie peinlich und hysterisch ich das später selbst finden werde, weiß ich jetzt noch nicht.
    Aber ich schreibe weiter! Für das »e« mache ich jedes Mal ein Leerzeichen und füge die fehlenden Buchstaben später per Hand ein. Wäre ja gelacht, wenn mich ein ordinäres »e« vom Bestseller abhielte.
    Das Schreiben, die Idee, ein eigenes Buch zu verfassen, fasziniert mich so sehr, dass ich sofort meiner Schwester und meinem Schwager davon erzähle. Ihre Reaktionen sind, statt erhoffter Ehrfurcht und Bewunderung, mitleidiges Lächeln und spöttisch hochgezogene Augenbrauen.
    Mir doch egal. Ich werd’s schon allen zeigen.
    Ich habe in unserem Bücherschrank nachgesehen: Ein Roman hat durchschnittlich vierhundert Seiten. Pro Tag kann ich locker zehn Seiten schreiben, das sind vierhundert Seiten in vierzig Tagen. Ich gebe mir aber großzügig drei Monate Zeit. Dann werde ich das Buch an einen Verlag schicken, und bis der es dann gedruckt hat, dauert es bestimmt noch mal zwei Monate. In spätestens einem halben Jahr werde ich also genug Geld haben, um alle Rechnungen bezahlen zu können, und dann wird unsere Armut der Vergangenheit angehören.
    Ich schreibe jeden Abend, wenn die Kinder im Bett sind, wie im Fieber, schreibe einfach alles runter, so, wie es mir in den Sinn kommt. Ich habe kein Konzept, keinen Plan, keine Ahnung, nur diese Idee, die mich nicht mehr schlafen lässt.
    Ich tippe Seite um Seite, nutze den ganzen Platz eines Blattes, lasse oben, unten, links und rechts keine Ränder, komme gar nicht auf die Idee, dass ein übersichtliches Format mir die Korrekturen erleichtern könnte. Ich korrigiere nämlich nicht, das macht schließlich später der Lektor, der meine Geschichte bearbeiten muss.
    Beim Schreiben bin ich glücklich. Jeden Abend lese ich Hardy vor, was ich geschrieben habe, und er ist immer begeistert.
    Irgendwann, es sind doch mehr als die geplanten drei Monate vergangen, lese ich mein Werk. Über dreihundert dicht beschriebene Seiten mit einer Million handgeschriebener »e«. Und ich bin entsetzt.
    Alles klingt holperig und gestückelt, ist langatmig und vor allem: Es ist kein bisschen spannend. Die Personen verwirren mich, Hans Müller heißt mittendrin plötzlich Hans Kracht, und Anne hat im ersten Kapitel rote Haare und später blonde. So geht das nicht. Es gibt keine Kapitel, keine Spannung, keinen Pepp, irgendwas fehlt, ich weiß aber nicht, was es ist, merke nur, dass es beschissen klingt. Es ist dilettantischer Mist!
    Irgendwo hab ich mal gelesen, dass man noch kein da Vinci ist, wenn man einen Pinsel halten kann. Scheint zu stimmen, und bezogen auf meinen Bestseller heißt das wohl, dass ABC und Grammatik als Handwerkszeug nicht reichen, um ein Buch schreiben zu können. Ich muss zuerst schreiben lernen.
    Wie denn? Wo denn? Von wem denn?
    Ich brauche Hilfe. Im Verzeichnis der Volkshochschule suche ich nach einer Autorengruppe, einem Workshop, einer Schreibschule, nach irgendwem oder irgendwas. In unserem Ort gibt es weder Workshops noch Autorengruppen. Das Internet für den Normalverbraucher hat die Provinz noch nicht erreicht. Ich gehe in die Buchhandlung an der Ecke und frage, ob es in unserer Stadt einen Schriftsteller gibt. Einen Schriftsteller? Nein, nicht dass man wüsste. Oder doch: Da sei doch dieser Professor, der ein Buch über die Sammlung des Märchenmuseums geschrieben hat, aber der ist schon lange tot. Damit kann ich nichts anfangen. Ich muss mir selbst helfen.

Mädchen, die pfeifen, und Hühner, die krähen
    Welch ein Wahnsinn, welch ein Wagnis. Viele Monate meiner Lebenszeit, gelebt für Ideen, Recherchen, Interviews; um Bücher zu lesen, Zitate zu finden, Material zu sichten und zu sortieren; zum Schreiben, Verwerfen, Schreiben, Kürzen, Schreiben, Lesen, Schreiben, Weinen, Schreiben, Quälen, Schreiben,

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