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Vom Finden der Liebe und anderen Dingen (German Edition)

Vom Finden der Liebe und anderen Dingen (German Edition)

Titel: Vom Finden der Liebe und anderen Dingen (German Edition)
Autoren: David Lampson
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überraschen.«
    Die Kellnerin machte ein bekümmertes Gesicht. Noch hasste sie Alvin nicht, aber ich sah, dass es bald so weit war. Sie schrieb eine Weile auf ihrem Block. »Irgendwelche Vorspeisen?«
    »Habt ihr Nachos?«, wollte Alvin wissen.
    »Ja.«
    »Mit Guacamole?«, fragte ich.
    Die Kellnerin nickte und schrieb es auf, und ich weiß noch, dass sie mich anlächelte, bevor sie ging. Ich mochte sie. Ich überlegte, ob ich Kellner werden sollte, während ich mein neues Hemd zuknöpfte. Es passte mir ziemlich gut, bis auf die Ärmel, aber ich wollte es auch gleich wieder ausziehen. Ich kam mir vor wie in einer Rüstung. »Ich glaube, meine Arme sind zu lang.«
    »Du hast schon immer verdammt lange Arme gehabt. Spielst du noch immer den ganzen Tag Basketball?«
    »Manchmal.«
    »Immer noch besser als Marcus?«
    Ich überlegte. Ich hatte Marcus in letzter Zeit nicht spielen sehen. »Schon möglich.«
    »Gut für dich«, sagte Alvin. »Gut für dich, deine Talente zu verschleudern. Gut für dich, irrsinnige Essensbeschränkungen zu haben. Gut für dich, dass du nicht lesen kannst. Gut für dich, dass du ein Handy hast, auf dem dich nie jemand anruft. Gut für dich, dass du dein Leben lang dieselbe Büchertasche mit dir rumträgst. Mann, wie ich dich vermisst habe, Joe. Keiner auf dieser Welt ändert sich weniger als du.« Er stand auf und stieg auf seinen Stuhl. Genau so stelle ich mir Alvin vor, wenn ich an ihn denke, mit ausgebreiteten Armen auf mich herabsehend, schwankend wie ein Gespenst.
    »Talente sind dazu da, verschleudert zu werden«, sagte er. »Wir sollen sie verbrauchen und verschwenden und nicht mit einem Basketball-Stipendium Kapital daraus schlagen. Nie lernen, nie zurückdenken. Das Leben ist so kurz wie ein brennendes Haus.«
    Er sah ein wenig kränklich aus und verlor beim Heruntersteigen das Gleichgewicht. »Ich erzähle dir jetzt von meiner Idee«, sagte er. »Die Idee ist, dass du und ich diese Hemden tragen und unsere anderen alle wegschmeißen und dann um die Welt segeln.«
    »In einem Boot?«
    »In einem Boot, Joe. Jeder hat einen geheimen Traum, den er keinem anderen erzählt. Das ist meiner. Ich habe noch nie davon gesprochen, weil er unmöglich schien.«
    »Dann wären wir ja Matrosen.«
    »Ich würde nie einen Plan machen, bei dem wir einen soliden Beruf haben müssten. Nein, wenn wir segeln, dann wie die Fürsten. Mit eigenem Boot und eigener Mannschaft. Wenn überhaupt, dann sind wir Kapitäne, aber nur, wenn wir dazu Lust haben. In den meisten Ländern, in die wir fahren, ist man mit achtzehn alt genug, um Kapitän zu sein.«
    »Hast du jetzt ein Boot?«
    »Ich kann eins kaufen.« Alvin schob seinen kleinen Koffer über den Tisch und zog den Reißverschluss auf, damit ich reinsehen konnte. Ich habe keine Ahnung, wie viel Geld da drin war, aber es war eindeutig zu viel, um es jemals zu zählen. »Wenn wir unsere Karten richtig spielen, kann dieses Geld schon morgen Vormittag ein Boot sein.«
    Ich fragte Alvin gar nicht, woher er so viel Geld hatte, aber ich habe das Gefühl, dass er mir gleich da, noch während ich es anstarrte, die ganze Geschichte erzählt hätte. Wenn ich nur aufgepasst hätte, wäre vielleicht alles ganz anders gekommen. Aber ich war so baff, wie viel Geld in dem Koffer war, dass ich nichts von dem, was er sagte, mitbekam. Dann roch ich meinen Cheeseburger; die Kellnerin kam wieder. Alvin zog den Reißverschluss zu und stellte den Koffer neben sich auf den Boden. Er redete erst weiter, nachdem sie gegangen war.
    »Ich hab mir mal die Preise angesehen, Joe. Wir haben genug, um ein Jahr oder zwei wie die Fürsten zu segeln und uns dann bequem irgendwo niederzulassen, wo es uns gefällt. In Brasilien gibt es Strände, da ist das Wasser wärmer als deine Badewanne.«
    »Und wir kommen nie mehr zurück?«
    »Was hast du hier, das du nicht zurücklassen kannst?«
    Es war mir nicht recht, in Verlegenheit gebracht zu werden, aber ich versuchte, so gut ich konnte, ihm eine Antwort zu geben. »Ich habe mir überlegt, dass ich Astronaut werden will.«
    »Dann bist du am falschen Ort. In Los Angeles gibt’s kein Raumfahrtprogramm. Aber die meisten der besten Astronauten aller Zeiten haben als Seeleute angefangen. Auf jeden Fall können wir deine Ausbildung auf unseren Reiseplan setzen.«
    »Marcus ist hier.«
    »Marcus.« Alvin wurde sauer. »Was hat er dir gesagt? Dass ich schlecht für dich bin?«
    Ich nickte.
    »Dass mein Leben wahrscheinlich aus den Fugen ist? Dass ich

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