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Vincent van Gogh und Paul Gauguin

Vincent van Gogh und Paul Gauguin

Titel: Vincent van Gogh und Paul Gauguin
Autoren: Phil Humor
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Vincent van Gogh und Paul Gauguin
    Paul Gauguin sieht so gelangweilt aus; was soll ich ihm denn noch zeigen hier in Arles? Es ist nicht Panama, nicht Peru, es ist nicht exotisch. Wobei Peru für ihn wohl auch Heimat ist. „Also von der Stimmung, die du in deinem Gemälde eingefangen hast – wo ist die? Caféterrasse am Abend. Die weißen, runden Tische des Straßencafés deutbar als Sterne. Du willst oben und unten in Eins setzen. Lass das Himmlische, wo es ist!“

    Paul Gauguin nippt an seinem Absinth. „Diese prächtige Gas-Laterne, so bemüht sie auch ist, die Sonne zu imitieren, sie ist ein kleines Licht. Du, Vincent, erscheinst mir mit all deiner Energie, die unruhig pulsiert, flackert, erhellen will - du erscheinst mir, wie diese Gas-Laterne. Ja, lächle nur, aber mein Vergleich mag tauglich sein, um dich was zu lehren: Beschränkung. Du kannst nicht das ganze Universum erhellen mit deinem Licht; wir sind keine Sterne. Menschenmaß. Darin liegt viel Glück. Du bist zu exorbitant.“

    Ich bin ratlos. Komme mir vor, wie ein Verliebter, der nicht möchte, dass die Angebetete enteilt. Bin nicht interessant genug. Paul Gauguin wird abreisen – wenige Wochen nur war meine Einsamkeit unterbrochen, hatte ich jemanden, der ziemlich genau verstand, worauf ich abzielte – mehr noch, durch die Gespräche mit ihm wurde mir das undeutlich gespürte Geführtsein deutlicher. Ich erschrak, wie sehr ich, meine Malerhand geführt wird, dirigiert wird von Ihm oder zumindest einem seiner kreativsten Engel. Ich lege tatsächlich meine Hand auf seine, beeile mich zu sprechen. „Bleib. Bleibe noch einige Wochen. Ich male dir noch mehr Sonnenblumen.“

    Paul grinst. „Noch mehr Chromgelb – und du bist schuld, wenn meine künftigen Bilder ohne Gelb auskommen müssen. - Dass wir beide so wenig Erfolg haben. Als Banker da war ich reich; und warum hab ich mich in die Arme der Malerei gestürzt? Eine schwierige Geliebte, kapriziös. Aber sie soll ja ihren eigenen Willen haben. Will sie nicht beherrschen. Bei dir ist es anders: Ihr treibt einander zur Ekstase, im Gerangel, wer nun über wen obsiegt - und eine Lust ist es, deinen Bildern diesen Werdensprozess anzusehen, wenn sie vollendet dem Betrachter sich darbieten."

    Ich schüttele sofort den Kopf – langsam wird daraus ein Nicken. „Welchen Weg soll ich gehen? Ich sehe drei Feldwege; sicherlich, ich könnte auch mitten durch die Felder und Wiesen stiefeln oder schleichen. Aber diese drei Feldwege – einer von denen sagt mir am meisten zu. Ist es Bestimmung? Schau die Sterne. Unendlich viele.“

    „Ich habe deine drei Sternen-Bilder gesehen. Nicht Sternbilder sondern Sternen-Bilder – ich bin neidisch darauf, wie verblüffend schlicht und wirkungsvoll du deine Sterne prangen lässt auf der Leinwand. Mein Dasein stelle ich mir so vor: dezent scheinen, Majestät besitzend – so wie die antiken Helden als Sternbild verewigt am Firmament. Hoffen wir darauf? Nachruhm. Nehme ich dafür in Kauf, dass meine Familie mich verlässt, ich umherirre zwischen den Kontinenten, auf der Suche nach einem Paradies – und es immer zerstört vorfinde. Ach, Vincent, mit deinen Gedankengängen schaffst du es, dass ich länger bleibe, als gut für uns ist. Ich will ehrlich sein – ganz besonders ehrlich in diesem Moment – und ich werde leugnen, dass ich dieses jemals zu dir sagte: Du bist der Bessere! Den Preis, den du bezahlst für diese Innigkeit mit Gott – du bist bereit den Höchstpreis zu bezahlen, das entfremdet dich den Bürgern, so wie sie um uns sitzen; sie halten Distanz zu dir. Sie weichen zurück, als ob die Kraft, die sich in dir konzentriert, sie umhauen würde, sie kippen ließe, wie ich diesen Stuhl hier kippen lasse.“

    Mir ist, als ob die anderen Gäste des Straßencafés noch mehr die Stirn runzeln als vorher. Besäße ich gerne ihre Sympathie? Welchen Kompromiss, welchen Verrat an meinen Intentionen erforderte dieses? Hier sitze ich, inmitten einer Lichter-Insel, Düsternis um uns. Woher soll ich das Licht nehmen, womit ich meine Bilder veredle, heilige, sie dadurch sakral werden lasse, zu einem Gebet, zu einem Gespräch, manchmal einem Monolog mit Gott? Die Einsamkeit kaschieren; fliehe ich in meine Bilder-Welten, finde ich dort den Kontakt mit mich verstehenden Seelen – und diese Seelen haben Weisheit für mich, Seelennnahrung? Ich lasse mir Käse und Weißbrot bringen.

    „Das Reale hat seine Vorteile. Man kann es genießen – und vor allem: Es ist

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