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Vielen Dank für ihre e-mail

Vielen Dank für ihre e-mail

Titel: Vielen Dank für ihre e-mail
Autoren: Christoph Moss
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VIELEN DANK FÜR IHRE E-MAIL
    Liebe und Hass, Verlangen und Abscheu: E-Mails sind wie Süßigkeiten. Wir wissen, dass sie süchtig machen. Aber wir können und wollen nicht auf sie verzichten.
    Kaum ein Satz wird in der elektronischen Kommunikation häufiger verwendet als die Aussage: „Vielen Dank für Ihre E-Mail“. Das Internet ist das große Schauspiel des 21. Jahrhunderts. Im digitalen Theater spielen sich Dramen von nie dagewesener Intensität ab. Der Genuss der ständigen Erreichbarkeit geht einher mit dem Rausch des immer Neuen. Nur wer ständig online ist, darf am kommunikativen Spektakel teilhaben.
    Die Suche nach dem digitalen Kick hat Suchtpotential. Mediziner sprechen schon von der Nomophobie: Die Angst, nicht erreichbar zu sein, kann krank machen. Selbst wer glaubt, kontrolliert mit der Droge E-Mail umgehen zu können, erleidet gelegentlich Rückschläge.
    Wie viele Tage E-Mail-Abstinenz verkraftet ein berufstätiger Mensch? Wer es wagt, sein Postfach 72 Stunden lang unberührt zu lassen, spielt Karriere-Roulette. Was ist, wenn eine dringende Kundenanfrage unbeantwortet bleibt? Wie sehr verärgern wir Vorgesetzte, Kollegen oder Geschäftspartner, wenn wir über mehrere Tage hinweg nicht reagieren?
    Soziale Netzwerke, Mobiltelefone, Video-Konferenzen und E-Mail-Kommunikation stehen allesamt für das Phänomen der ständigen Erreichbarkeit. Jeder Mensch schlüpft dabei wahlweise in die Rolle von Sender oder Empfänger. Dieses Wechselspiel ist vergleichbar dem Verhalten im Straßenverkehr. Mal sind wir Fußgänger, mal Autofahrer.
    Und dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied: Der Mensch lernt früh, wie eine Ampel funktioniert oder welchen Sinn ein Zebrastreifen hat. Und nur wer einen Führerschein besitzt, darf Auto fahren.
    In der Online-Kommunikation ist dies anders. Auf der digitalen Autobahn gelten praktisch keine Verkehrsregeln. Jeder Sender darf jedem Empfänger jeden Inhalt zu jeder Zeit schicken. Im Netz können alle nach ihrer Fasson glücklich werden – egal ob ihre Inhalte freundlich oder frech, wichtig oder unwichtig, lang oder kurz sind.
    Dies birgt Risiken und Chancen. E-Mail-Kommunikation hat unser Leben bereichert. Wir können zeitversetzt und schnell vielen Menschen sehr detaillierte Informationen übermitteln. Aber diese Art des Austauschs gaukelt uns manchmal eine Pseudo-Realität vor. Wie können wir Emotionen per Mail übermitteln? Wie lassen sich Lob, Freude, Ärger oder Ungeduld ausdrücken? Und welche Länge sollte eine elektronische Nachricht idealerweise haben?
    „Bitte entschuldigen Sie diese lange E-Mail. Ich hatte keine Zeit für eine kürzere.“ Die Kunst in der E-Mail-Kommunikation besteht darin, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden – und komplizierte Themen einfach und klar zu übermitteln.
    Auch hier ist es ähnlich wie im Straßenverkehr. Es reicht nicht, wenn wir alle den Internet-Führerschein machen. Die Frage, wie wir das Kommunikationsmittel E-Mail klug einsetzen, hat viel mit effizientem Energieverbrauch und geistiger Ressourcennutzung zu tun. Manchmal klappt es gut, manchmal überhaupt nicht.
    Dieses Buch will zeigen, wie hintergründig, humorvoll, interessant und gleichzeitig rätselhaft die süße Droge Online-Kommunikation sein kann. „Vielen Dank für Ihre E-Mail“ versucht, die ernsten und die heiteren Seiten der ständigen Erreichbarkeit zu zeigen.
    Ich wünsche Ihnen dabei gute Unterhaltung!

 
E-MAILS, DROGEN, DAUERSTRESS
    Es mag manchmal skurril wirken, mit welchen Methoden Wissenschaftler zu ihren Erkenntnissen gelangen. Sie beobachten, sie fragen, sie experimentieren. Und am Ende kommt häufig etwas höchst Seriöses dabei heraus. Am Londoner King’s College folgte eine Gruppe von Forschern genau diesem Ansatz – wenn auch mit merkwürdigen Begleiterscheinungen.
    Die Wissenschaftler stellten Mitarbeitern in zwei Versuchsgruppen mittelschwere Aufgaben von identischer Qualität. Gruppe 1 bekam parallel zu den Aufgaben eine Reihe von E-Mails geschickt. Die Mitglieder von Gruppe 2 hingegen mussten eine andere Art von Ablenkung ertragen: Sie kifften vor der Arbeit. Das Ergebnis dieses Experiments war ein Rückschlag für den weltweiten Kampf gegen jede Form von Sucht. Die Kiffer lösten mehr Aufgaben als die Probanden, die zwar frei von Drogen waren, dafür aber offensichtlich durch E-Mails in ihrer Leistungsfähigkeit stark eingeschränkt wurden.
    Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die Ergebnisse der Drogengruppe

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