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Verzweifelte Jahre

Verzweifelte Jahre

Titel: Verzweifelte Jahre
Autoren: Brigitta Sirny-Kampusch
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PROLOG

    »Betreten verboten« steht auf dem Holzschild. Im ersten Augenblick versteht sie gar nicht, was das heißt. Zwei einfache Worte und plötzlich ist der ganze Tag in Unordnung. Sie waren nur deshalb nach Mariazell gefahren. Um eine Kerze anzuzünden in der Basilika. Wie jedes Jahr. Brigitta Sirny bewegt sich nicht. »Betreten verboten«, liest sie noch einmal. »Eltern haften für ihre Kinder .« Ausgerechnet, denkt sie. »Wegen Renovierung geschlossen.« Gerade heute. »Was ist los, Omi ?« Helena zupft sie an der Hose. »Die Lichterlgrotte ist zu«, sagt Brigitta Sirny. »Wir können kein Kerzerl anzünden. Ihr wisst doch, warum wir das immer tun .« Alina schaut die anderen an. Sie ist die Kleinste und macht sich noch nichts aus Kerzen und Renovierungen. »Ich weiß, warum«, sagt Michelle. »Für die Natascha.« Brigitta Sirny nimmt ihre Enkelinnen an der Hand, dreht sich um und lässt die Kirche hinter sich. Es hat keinen Sinn. Und die Kinder haben Hunger. Es ist Mittag. Kurz nach halb eins.

*

    »Ich will Würstel«, sagt Michelle. »Ich Pommes«, ruft Helena. Es geht hoch her über den Speisekarten in der Konditorei Pirker in Mariazell. Brigitta Sirny bestellt. Für sich nur Kaffee. Ihr ist nicht nach Essen. »Wollt ihr Ketchup ?« , fragt sie. Die Würstel kommen mit den Pommes frites. Die Mädchen sind beschäftigt. Das Ketchup ist längst nicht mehr nur am Teller. Brigitta Sirny kramt in ihrer Tasche nach einem Taschentuch. »Komisch«, sagt sie, »jetzt hab ich das Handy vergessen .« Den Kindern ist es egal. »Was machen wir eigentlich, wenn die Natascha wiederkommt ?« Auf einmal ist es still. Brigitta Sirny schaut ihre Enkelin an. Michelles Frage kommt ansatzlos, aus dem Nichts. Seit achteinhalb Jahren hängt sie in der Luft. Seltsam, dass sie noch niemand gestellt hat. So konkret. Brigitta Sirny hat plötzlich Gänsehaut, bei Sonnenschein und sechsundzwanzig Grad. »Kein Problem«, sagt sie. Sie fängt sich schnell in solchen Fällen, nach allem, was sie hinter sich hat. »Wir haben schon alle Platz in der Wohnung, die ist groß genug .« Brigitta Sirny nimmt ihre Kaffeetasse. »Wir werden ihr das Zimmer frisch ausmalen«, sagt sie, »in einem hellen Mintgrün, das Rosa passt nicht mehr«. Sie stellt den Kaffee ab, ohne zu trinken. Es ist kurz vor eins.

*

    »Da ist ja das Handy .«
    Brigitta Sirny geht die paar Schritte zum Tisch. Drei Anrufe in Abwesenheit. Zwei der Nummern sagen ihr nichts. Üblicherweise ruft sie zurück. Jetzt nicht. In der Kochnische des kleinen Appartements macht sie Kaffee. Die Pension auf dem Bauernhof in Wienerbruck ist eine Art zweites Zuhause.
    »Wie war’s in der Lichterlgrotte ?« , fragen die Buben. Markus und René waren daheim geblieben. »Wir waren gar nicht...« Weiter kommt Brigitta Sirny nicht. Das Handy läutet. Sie hebt ab. »Grüß Sie, Frau Sirny. Lange nicht gehört. Wie geht’s denn ?« Brigitta Sirny hat keinen Sinn für Floskeln. Die Journalistin, die da in der Leitung ist, ruft nicht aus Höflichkeit an. »Ist was los? Irgendwas Neues? Mit der Natascha?« »Na ja... ich weiß nicht, ob ich’s Ihnen sagen soll... ich will nicht, dass Sie mir nachher bös sind, wenn’s nicht stimmt...« »Was nicht stimmt ?« Brigitta Sirnys Ton wird schärfer. »In Deutsch-Wagram ist ein junges Mädchen aufgetaucht. Die sagt, sie ist die Natascha .« Brigitta Sirny legt auf. Sabina und die fünf Kinder schauen sie an. Es ist etwas passiert. Sie lesen es in ihrem Gesicht. Alle reden durcheinander. Brigitta Sirny ist schon wieder am Telefon. Ruft eine Arbeitskollegin an. Braucht die Nummer der Polizei in Deutsch-Wagram. Zwanzig Minuten versucht sie die Verbindung zu kriegen. Es gelingt ihr nicht. Ein Anruf kommt herein. »Grüß Sie, Frau Sirny. Fischer, Sicherheitsbüro. Lange nicht gehört...« »Ist sie es ?« »Zu neunundneunzig Prozent.« Es ist Nachmittag. Kurz nach fünf. Mittwoch, 23 . August 2006.

1

    Mein Leben in der Hölle begann um halb sechs. Aber das wusste ich damals noch nicht. Der Wecker läutete, genau wie sonst. Ich stand sofort auf, wie immer. Ich ging ins Bad, ich frisierte mich, ich fütterte die Katzen, ich machte Kaffee. Nichts deutete darauf hin, dass dieser 2. März 1998 mein Leben zerstören würde. Und das meiner Tochter. Meiner Tochter Natascha. Es war noch kein Ton zu hören aus ihrem Zimmer. Sie stand nicht gern auf. Mit zehn Jahren steht niemand gern auf. Ein paar Minuten konnte ich ihr noch lassen. Der Kaffee war fertig. Ich

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