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Verwunschen

Verwunschen

Titel: Verwunschen
Autoren: Ulrike Schweikert
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D ichte graue Wolken türmten sich am Horizont auf und wurden von einem stürmischen Westwind rasch herangetrieben. Donner rollte in der Ferne. Dann zerriss ein Blitz den nun düsteren Himmel. Das Krachen ließ alle vier im Auto zusammenzucken. Nein, besser gesagt, alle fünf, denn auch der Hund der Familie, Cera, jaulte auf. Sie mochte keine Gewitter und drückte sich an Mona, die ihr beruhigend das Fell kraulte.
    Im nächsten Moment prasselte der Regen so dicht herab, dass die Scheibenwischer es nicht mehr schafften, Monas Vater freie Sicht zu verschaffen.
    »Peter, fahr langsamer«, mahnte ihre Mutter.
    Ihr Vater fluchte leise und bremste vorsichtig, bis sie nur noch mit kaum dreißig Stundenkilometern über die schmale irische Landstraße hoppelten.
    Wieder blitzte es, und noch ehe der grelle Lichtschein verloschen war, krachte es, dass die Scheiben klirrten.
    »Echt krass«, murmelte Patrick und sah von seinem Buch auf, in dem er bisher ununterbrochen gelesen hatte, seit sie in Galway von ihrem Flieger aus Hamburg in den Mietwagen umgestiegen waren.
    Die Sicht wurde immer schlechter. Der Wind zerrte an den Bäumen, sodass ihre Äste wie Klauenfinger nach dem Wagen zu greifen schienen. Mauern aus aufgeschichteten Feldsteinen zwängten sie auf der Straße ein, die immer enger zu werden schien. Dann plötzlich öffnete sich der Blick auf einen riesigen See. Das Wasser wirkte unheimlich schwarz. Weißer Schaum spritze auf, als der Wind die Oberfläche aufpeitschte. Ein riesiger Greifvogel drehte mit heiseren Schreien seine Runden und ließ sich mit dem Sturmwind über das Wasser treiben.
    »Echt krass«, wiederholte Mona die Worte ihres Zwillingsbruders.
    Endlich, als sie auf der Landenge zwischen dem Lough Mask und dem Lough Corrib das Dorf Cong erreichten, ließ der Regen ein wenig nach.
    »Da ist das Schloss!«, rief ihre Mutter, als sie die Ländereien von Ashford Castle erreichten.
    Die beiden Geschwister drückten sich die Nase an der Scheibe platt, um einen Blick auf das prächtige alte Gebäude zu erhaschen, das schon vor vielen Jahren zu einem Luxushotel umgebaut worden war.
    »Nun ist es nicht mehr weit«, sagte ihr Vater erleichtert.
    Sie bogen in eine schmale Straße ab und schon hielt Peter Tannenberg den Wagen in einer von Unkraut überwucherten Auffahrt an. Noch einmal huschte ein Blitz über den dunklen Himmel und der Donner rollte wie eine düstere Drohung. Mona schauderte, überspielte die Beklemmung aber und stieß die Wagentür auf. Ihr Bruder tat es ihr gleich und sprang ins Freie. Sie rannten durch den Regen auf das graue Steinhaus zu, in dem ihre Großmutter wohnte. Früher einmal hatte es zu den Ländereien des Schlosses gehört und wurde daher von den Leuten noch immer Ashford Cottage genannt. Cera folgte ihnen kläffend.
    »Grand Myrna, wir sind da!«, riefen sie im Chor. Natürlich war Cera vor ihnen an der Tür. Sie stoppte abrupt, hob die Nase und begann kläglich zu winseln.
    Mona tätschelte ihren Kopf. »Was ist los?«
    Patrick hämmerte an die Tür, hielt dann aber inne, als sie sich mit einem leisen Knarren ein Stück öffnete.
    »Großmutter?« Er schob die Tür noch ein Stück weiter auf und spähte in die düstere Diele, doch da war niemand. Verwundert zog er die Augenbrauen hoch und trat ein wenig zaghaft über die Schwelle. Cera winselte noch immer und jaulte dann plötzlich auf, als habe sie jemand getreten. Wieder rollte der Donner, doch er schien leiser geworden.
    »Was machst du denn?«, empörte sich Mona und rieb sich das schmerzende Schienbein.
    »Ich habe gar nichts gemacht«, verteidigte sich Patrick und schrie dann unvermittelt auf. »He, spinnst du? Was fällt dir ein, an meinen Haaren zu ziehen?«
    »Hab ich doch gar nicht«, rief Mona, die zwei Schritte hinter ihm stand. Sie spürte einen erneuten Tritt gegen ihr Schienbein, aber Patrick konnte es nicht gewesen sein.
    Doch ehe sie sich weiter Gedanken darüber machen konnten, ließ ein Stöhnen die beiden herumfahren.
    »Ist da wer?«, fragte Mona ein wenig zaghaft und trat neben Patrick. Sie blickten in eine düstere Diele. Nichts regte sich, nur ein kühler Luftzug ließ sie frösteln. Oder war da noch etwas anderes?
    »Grandma?«, rief Patrick ein wenig lauter.
    Mona trat zögernd in die Diele. Sie spürte Patrick dicht hinter sich. Allmählich gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Geschlossene Türen, die zu beiden Seiten des Flurs abgingen, und im Hintergrund eine Treppe, die in das obere Stockwerk

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