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Verschollen im Taunus

Verschollen im Taunus

Titel: Verschollen im Taunus
Autoren: Frank Demant
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Dem Todgeweihten ging’s nicht gut. Er sah zum Gotterbarmen aus. Schaumbläschen zierten seine Lippen und die Glieder waren fürchterlich verrenkt. Man hätte auch noch anfügen können, er sei nachlässig gekleidet, aber das war er sowieso fast immer. In seinem letzten Traum wurde er mit einem Vorschlaghammer gemeuchelt. Dementsprechend wollte er nicht weiterschlafen. Aufstehen ging aber nicht. Wegen der Schmerzen.
    Auch die Augen ließen sich nicht ohne weiteres öffnen. Jemand mußte eine Tube Patex darübergeschüttet haben. Als eher haptischer Zeitgenosse bemühte er seine Finger und seufzte erleichtert auf, als sich diese bewegen ließen. Er begann mit der Untersuchung des Untergrunds. Doch dieser entsprach nicht seinen Erwartungen. Gerne hätte er mit seinen Fingern Stoff ertastet. Stoff, aus dem Bettwäsche hergestellt wird. Optimal wäre zum Beispiel feinste chinesische Seide gewesen. Doch heute hätte er auch an Viskose Gefallen gefunden. Doch was es auch war, ein Bettlaken war es mitnichten. Es fühlte sich an wie Gras. Und das war nicht optimal, denn das hieße ja, nicht im Bett zu liegen, also dort, wo man gemeinhin erwachte. Erschrocken hielt er inne.
    Der nächste Test galt seinem Schädel. Behutsam drehte er ihn ein paar Zentimeter. Es traten keine Schmerzen auf, folglich schüttelte er ihn ein bißchen heftiger. Als auch diese Belastungsprobe zu seiner Zufriedenheit ausgefallen war, fragte er sich unwillkürlich, warum er auf Muttererde lag, obwohl er doch gestern gar nicht gesoffen hatte. Wahrscheinlich war es doch unwahrscheinlich, daß sich ein nüchterner Mensch so gehenließ. Vielleicht hatte er sich bei diesem herrlichen Sommerwetter ja ein wenig in einem Frankfurter Park darniedergelegt und war hinfortgedämmert, war sein nächster Gedanke. Auch daß er barfuß war, sprach dafür. Sofort spitzte er die Ohren, ob denn irgendwelche parktypischen Geräusche wie Kindergeschrei oder Hundegekläffe zu vernehmen seien. Doch alles, was er hörte, war das leise Rascheln von Blattwerk. Auch der allgegenwärtige Verkehrslärm fehlte völlig und kein Brezelbub pries seine Ware an – ‚Brezeln, Hartekuchen, Makronen.‘ Es half alles nichts, die Glubscher mußten auf.
    Da sie es von alleine nicht schafften, beorderte er seine rechte Hand zur Unterstützung hinauf. Was er vorhin vermißt hatte, das befühlte er nun: Stoff. Hastig riß er ihn herunter und erblickte am Himmelszelt, zwischen den Baumwipfeln, ein paar Wölkchen dekorativen Charakters. Aha, dachte er, es ist also Sommer. Immerhin. Doch daß er seine Hose in der Hand hielt, bedeutete, mußte zwangsläufig bedeuten, er hatte sie nicht mehr an. Außerdem war sein Beinkleid fürchterlich zerrissen, also unbrauchbar. Das fehlende Kindergeschrei bekam nun eine ganz andere Gewichtung. Oder standen sie um ihn herum und begafften ihn ungläubig? Er, ein Exhibitionist, die Bullen schon alarmiert, erzürnte Mütter Keulen schwingend herbeieilend … Von Panik erfaßt richtete er sich auf.
    Und ließ sich sofort wieder fallen, zu groß war der Schmerz in seinem rechten Fuß. Doch immerhin hatte er einen kurzen Blick auf seine Umgebung erhaschen können. Und auf seine Unterhose – die hatte er noch an. Vor und neben ihm befand sich Wald. Er lag in einer Mulde. Den Schmerz im Fuß ignorierend drehte er sich auf den Bauch, hob den Kopf und blickte in die noch fehlende Richtung. Auch hier nur Bäume, Sträucher und Gräser. Unternehmungslustige Schmetterlinge drehten ihre Pirouetten in Bodennähe. Kurz vor ihm schleppten Ameisen Baumaterial. Und nun, da er sich endgültig in Mutter Natur wußte, hörte er auch die Vöglein zwitschern.
    Was sollte er bloß mit all diesen Informationen anfangen? Ja, er wußte, wer er war. Und nein, er wußte nicht mal im Ansatz, wie er hier hergekommen war. Er hatte ja nicht einmal den Hauch einer Ahnung, was er die letzten Tage so alles getrieben hatte. Die letzten Tage? Er wollte auf seine Armbanduhr sehen. Wollte, denn sie war nicht mehr da. Instinktiv griff er nach seiner Geldbörse, vielleicht war er ja einem Raubüberfall erlegen. Erst als er mit seiner Hand an die Unterhose griff, bemerkte er seinen Fehler. Er grabschte nach den Resten seiner Hose und untersuchte auf dem Rücken liegend deren Inhalt. Außer dem Portemonnaie fehlte nichts. Obendrein war die Jeans mit Dreck – in Anbetracht der Umstände kaum verwunderlich – und Brandlöchern – in Anbetracht der Umstände sehr bedenklich – übersät. Wo

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