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Verschlossen und verriegelt

Verschlossen und verriegelt

Titel: Verschlossen und verriegelt
Autoren: Maj Sjöwall;Per Wahlöö
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Vorwort
    Hakan Nesser
    Es ist eine etwas seltsame Erfahrung, Maj Sjöwalls und Per Wahlöös Verschlossen und verriegelt nach vierunddreißig Jahren wieder zu lesen. Damals -1972 - war ich ein glühender Anhänger der politischen Linken und des Autorenteams Sjöwall/Wahlöö. Trotz ständiger Geldsorgen war es für mich undenkbar, auf die Taschenbuchausgabe eines neuen Martin-Beck-Romans zu warten, ich musste die gebundene Ausgabe haben. Ich weiß noch, dass ich Verschlossen und verriegelt in der ersten Woche nach Erscheinen in der Buchhandlung Lundequist in Uppsala kaufte. Ich las und las, genoss in vollen Zügen und reichte das Buch an den Nächsten in unserer Wohngemeinschaft weiter. Mein Exemplar wurde im ersten Monat bestimmt von zehn Personen gelesen. Die Leute standen gleichsam Schlange.
    Und alle liebten den Roman; wenn man wie ich jetzt zurückblickt, fällt einem auf, dass auch Menschen, die politisch nicht sonderlich links standen, das Buch toll fanden. Letzteres sagt so einiges darüber, wie sehr sich die Tonlage und die Ausgangspunkte der gesellschaftlichen Diskussion im Laufe der letzten dreieinhalb Jahrzehnte verschoben haben. Junge Konservative würden heutzutage nie und nimmer Verschlossen und verriegelt verschlingen. Sie würden Ausschlag bekommen. Allerdings gab es, wenn ich es recht bedenke, in meinem damaligen Bekanntenkreis auch nicht gerade viele junge Konservative.
    Jedenfalls ist es das, was einen beim Wiederlesen aufmerken lässt: die grobschlächtige - zeitweilig parodistisch grobschlächtige - Gesellschaftskritik. Selbsternannte Experten und Krimi-Kenner pflegen zu sagen, dass ihnen die frühen Bücher in der Romanreihe um Martin Beck am besten gefallen; am Ende wird alles zu politisch, fast propagandistisch. Die Botschaft schwächt die Geschichte.
    Damit liegen sie sicher nicht ganz falsch. Das letzte Wort im letzten Roman ist Marx, was natürlich kein Zufall ist. Verschlossen und verriegelt ist der achte Band in der Serie und das Buch, in dem Martin Beck in seinen Beruf zurückkehrt, nachdem er bei einer Schießerei auf einem Stockholmer Hausdach fast das Leben verloren hat (in Das Ekel von Säffle, nach dem der Regisseur Bo Widerberg seinen großartigen Film »Der Mann auf dem Dach« gedreht hat - die mit Abstand beste Beck-Verfilmung). Martin Beck ist nach seiner Rekonvaleszenz besonders düsterer Stimmung. Er findet sich in der Gesellschaft nicht mehr zurecht. Er fühlt sich unwohl in seiner Rolle als Polizist. Er befindet sich in seinem eigenen verschlossenen und verriegelten Raum, aus dem er sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien kann - es gibt nur einen Weg hinaus: eine Frau. Schließlich taucht sie auch auf. Ihr Name ist Rhea Nielsen, und mit ihrer femininen Wärme, ihrer Fürsorglichkeit und Solidarität steht sie für all das, woran es draußen in der Gesellschaft fehlt. Denn da draußen ist es kalt. Die unverblümte Schilderung eines Schwedens, das auf eine Totalhavarie zusteuert, ist deutlich, wenn nicht überdeutlich. Nichts funktioniert. Beamte sind grundsätzlich korrupt, das Gesundheitssystem steht kurz vor dem Kollaps, neun von zehn Polizisten sind Idioten, und wenn Martin Beck durch einen Park in Stockholm flaniert, muss er über Alkoholiker und Drogensüchtige steigen, die allerorten herumliegen und auf etwas warten. Vielleicht warten sie auf Pflege, denkt er ironisch. Die Autoren scheuen sich nicht, die Lage im Land selbst zu beschreiben, will sagen, ohne ihre Gedanken einer der Hauptpersonen in den Mund zu legen. Schweden ist auf dem besten Weg, eine Art rechte Diktatur zu werden, behaupten Sjöwall und Wahlöö: Alles geht den Bach runter, und die Bürger, die es nicht geschafft haben, sich das Leben zu nehmen oder auszuwandern, werden zu Sklaven der neuen Machthaber werden. Et cetera. Ja, das Ganze ist so dystopisch, dass es heute - vierunddreißig Jahre später - fast schon ein bisschen komisch wirkt. Man muss mit historischer Brille lesen, obwohl es sich um Gegenwartsgeschichte handelt. Aber so wurde die Debatte damals geführt, so grobes Geschütz fuhr man auf, so deutlich war die Trennlinie zwischen rechts und links. Und paradoxerweise gehört gerade das heute zu den Stärken des Romans: sich daran erinnern zu dürfen, wie es damals war - und möglicherweise diese schwerere Artillerie in der lauen Mitte des Marktes, in der wir mittlerweile gelandet sind, vermissen zu dürfen. Wenn man links wählte, war man damals Kommunist. Kein Zweifel, man wollte eine

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