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Verschleppt ins Tal Diabolo

Verschleppt ins Tal Diabolo

Titel: Verschleppt ins Tal Diabolo
Autoren: Stefan Wolf
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Aber nicht
Lösegeld, sondern Schmuck.“
    „Hat der Mann gesagt, wie es
ablaufen soll?“
    „Hat er. Es ist so: Wir
schließen um 18 Uhr. In den Räumen bin ich der Letzte. Die wertvollsten Stücke
nehme ich aus den Vitrinen. Über Nacht ist der Tresor doch noch etwas sicherer.
Und heute — nachher — soll ich die so genannten Juwelen-der-Maharani — Sie
können sich vorstellen, was das für ein Schatz ist — soll ich die in einen
Bordcase füllen. Oder in eine Reisetasche. Und damit durch die Stadt spazieren.
Wenn’s sein muss bis Mitternacht. Irgendwann werde dann jemand an mich
herantreten. Mit dem Kennwort ,Julia’. Dem Typ muss ich die Juwelen übergeben.
Nur so könne ich meine Tochter retten. Sonst würden sie uns... würden uns...“,
seine Stimme schwankte, „Julias abgeschnittene Finger schicken.“
    Wespe kratzte sich in den
Haaren, im dritten Türmchen von links. „Die... sichern sich ab.“
    „Ach so! Noch was.“ Lockstett
stöhnte. „Meine Tochter sagte, wir sollten an einen Film denken. Einen Film,
den wir vor einigen Jahren zusammen gesehen haben. In Wien. Das Grauen im
Nebel. Ich erinnere mich überhaupt nicht mehr. Auch meine Frau weiß nur noch,
dass es um einen raffinierten Juwelen-Raub ging. Ich glaube, Julia will uns
damit einen Tipp geben. Aber verdammt!“ Seine Stimme jaulte auf. „Wir wissen
nicht, was sie meint.“
    „Aber ich“, flüsterte Karl.
„Kenne den Streifen. Er heißt nicht Grauen im Nebel, sondern Nebel des Grauens.
Wahnsinn, Leute! Der helle Wahnsinn! Ich meine, was Julia damit sagen will.“

2. TKKG — die Juwelen-Räuber
     
    Das Café MEHNERT lag schräg
gegenüber. Wer einen Fenstertisch hatte, konnte zu Lockstett hineinsehen: in
die erleuchteten Ausstellungsräume.
    Am späten Nachmittag hatten
sich schwarze Wolken über die Stadt geschoben. Es wurde finster wie vor einem
Weltuntergang. Die Luft schien nach Schwefel zu riechen. Es grummelte am
nördlichen Horizont — hinter der Skyline der Hochhäuser. Aber das Gewitter —
oder Unwetter — blieb irgendwo stecken, hatte zwar alles vorbereitet, entlud
sich jedoch nicht. Die Menschen schwitzten. Sie Luft war zum Schneiden. Gereiztheit
griff um sich.
    Tetzke und Roberto — die beiden
Kidnapper und Juwelen-Räuber in spe — hatten einen Fenstertisch. Auch im Café
brannte Licht. Die dralle Bedienung hatte gerade am Nebentisch abkassiert und
sich dabei zu ihrem Nachteil verrechnet.
    Tetzke trank Mineralwasser und
lutschte jetzt an dem Zitronenschnitz aus seinem Glas. Roberto sah kalt und
böse aus, kippte seinen Espresso runter und nahm wieder ein Pfefferminz-Bonbon.
    Beide schielten zu Lockstett
hinüber. Es ging auf 18 Uhr. Die meisten Besucher waren gegangen, ergriffen von
so viel Goldschmiedekunst und funkelnder Pracht. Von den uniformierten
Wachmännern, die sich tagsüber ablösten, war nun der Oldie an der Reihe: ein
Mittfünziger mit grauen Haaren und beträchtlicher Wampe. Er hatte eine Pistole
umgeschnallt und schien müde zu sein. Er gähnte häufig. Er stand stundenlang,
durfte sich offenbar nicht hinsetzen. Nun war ihm das Blut in die Beine
gesackt, der Kopf dösig und auf Feierabend geschaltet.
    „Nicht mehr lange“, sagte
Tetzke.
    „Gleich ist Schluss“, nickte
Roberto. Er kaute jedes Wort hervor wie ungenießbare Schweineschwarte.
    „Die sollen mal abhauen.“
Tetzke meinte die letzten Besucher. Es waren vier Jugendliche. Der eine mochte
16 oder 17 sein, war groß und athletisch und trug seine Baseballkappe verkehrt
herum auf den braunen Locken. Seine Freundin war blond, bildhübsch und
lieblich. An der Hand zog er sie von einer Vitrine zur andern und deutete
lebhaft auf diese und jene Exponate. Zu den beiden gehörten ein kleiner Dicker,
der ständig kaute, und ein lang aufgeschossener Dünner mit Nickelbrille. Alle
trugen trotz der Schwüle leichte Sommer-Blousons.
    17.59 Uhr.
    Überfall.
    Tetzke traute seinen Augen
nicht. Roberto hätte beinahe sein Bonbon verschluckt.
    Wie auf Kommando —
wahrscheinlich erfolgte das auch — zogen sich die Jugendlichen schwarze
Strumpfmasken über den Kopf.
    Der Große richtete eine Pistole
— der man nicht ansah, dass sie nur für Platzpatronen zu gebrauchen war — auf
den Wachmann.
    Im selben Moment sprang das
Mädchen zum Lichtschalter. Dunkelheit! In Lockstetts Ausstellungsräumen war’s
jetzt finster wie auf dem Meeresgrund. Nichts mehr zu sehen.
    Keine zwei Sekunden hatte das
Manöver gedauert. Der Moment war gut gewählt. Gerade jetzt

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