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Veritas

Titel: Veritas
Autoren: Francesco Rita & Sorti Monaldi
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Mitschwestern von niedriger Herkunft für jene Arbeiten im Kloster, die den Ordensfrauen aus adeligen Familien nicht zuzumuten waren. Doch auch in den bittersten Momenten hatte ich ihr Anerbieten stets höflich zurückgewiesen (weniger freundlich war Cloridia, die die Klosterfrauen unter wütendem Schütteln ihrer Brüste anschrie: «Habe ich sie etwa drei Jahre lang gestillt, damit sie so enden?»), und im Übrigen zeigten auch meine Mädchen selbst nicht die geringste Neigung, den Schleier zu nehmen.
    Stattdessen lechzten die beiden, die dank ihrer Erfahrung als Hilfshebammen bereits tiefe Einblicke in die Freuden der Mutterschaft gewonnen hatten, danach, so bald wie möglich einen Ehemann zu finden.
    Irgendwann hatte die Kälte geendet und die Hungersnot mit ihr. Doch das Elend wollte nicht weichen. Zwei Jahre später warteten meine Töchterchen noch immer.
    Mich packte die Wut, wenn ich sah, wie das feine Gesicht der Älteren, ohne dass sie sprach, plötzlich einen abwesenden und traurigen Ausdruck annahm (sie zählte schon fünfundzwanzig Jahre!). Aber mein Zorn war nicht gegen ein blindes und grausames Schicksal gerichtet. Ich wusste ja nur allzu gut, wer die Schuld an unserem Unglück trug: Es war weder die Kälte noch die Hungersnot, die ganz Europa getroffen hatten. O nein. Es war Abbé Melani.

    Verschlagener Ränkeschmied, erprobter Spitzel, ein Mann für hundert Betrügereien; Bannerträger der Lüge, Prophet der Hinterlist, Orakel der Täuschung und Fälschung: Das alles und viel mehr noch war der Abbé Atto Melani, ein berühmter Sänger längst vergangener Zeiten, vor allem aber ein Spion.
    Vor elf Jahren hatte er mich übel ausgenutzt und dabei sogar mein Leben aufs Spiel gesetzt, alles mit dem Versprechen einer Mitgift für meine Jungfräulein:
    «Nicht nur Geld: Häuser. Eigentum. Grundbesitz. Ich werde deine Töchter mit einer Mitgift ausstatten. Einer großen Mitgift. Und wenn ich groß sage, übertreibe ich nicht.» So hatte er mich umgarnt. Diese Worte hatten sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt, wie in nacktes Fleisch.
    Er hatte mir erklärt, dass er mehrere Ländereien im Großherzogtum der Toskana besitze: alles wertvolle Güter mit ausgezeichneten Erträgen, hatte er erläutert, und sogar ein schriftliches Versprechen aufgesetzt, darin er sich verpflichtete, im Namen meiner Töchter einen Brautschatz zusammenzutragen, entweder aus «mehr als ansehnlichen» Besitzungen oder aus deren Erträgnissen, welche in Gegenwart eines Notars der Stadt Rom festzulegen seien. Doch zu diesem Notar hatte er mich nie geführt.
    Nachdem er meine Dienste erhalten hatte, war er klammheimlich nach Paris zurückgekehrt, und ich war von Anwalt zu Anwalt, von Notar zu Notar geirrt, um jemanden zu finden, der mir ein klein wenig Hoffnung machen konnte. Doch es hatte nichts genützt. Ich hätte einen sehr teuren Prozess gegen ihn in Frankreich anstrengen müssen. Kurzum, jenes Papier mit seinem Versprechen war wertlos.

    Und so genoss er jetzt seinen Reichtum, während ich verzweifelt versuchte, mich und die Meinen aus dem Unrat des Elends zu ziehen.

    Doch siehe da, nun erhielt ich plötzlich einen Bescheid von einem römischen Notar. Dieser hatte von einem Kollegen in Wien den Auftrag erhalten, mich ausfindig zu machen und mir eine von Abbé Melani unterzeichnete Schenkungsurkunde auszuhändigen.
    Worum es sich genau handelte, war freilich noch ein Rätsel. Das Zugeeignete, welches nach Meinung des Notars etwas von großem Wert war («ein Grundstück oder ein Haus», hatte er vermutet), wurde mit Kürzeln und Zahlen beschrieben, die wahrscheinlich auf Wiener Register hinwiesen, jedoch vollkommen unverständlich waren. Abbé Melani hatte außerdem bei einer Wechselbank ein unbegrenztes Darlehen zu meinen Gunsten eingerichtet, damit ich für die Erfordernisse der Reise ohne jede Einschränkung Sorge tragen konnte.
    Meinerseits sollte ich nur bei einer bestimmten Adresse in der Kaiserlichen Hauptstadt vorstellig werden, wo ich dann alles erfahren und erhalten würde, was mir zustand.
    Ich muss zugeben, ein wenig enttäuschte mich, dass es sich nicht um eine Schenkung im Großherzogtum der Toskana handelte, wie der Abbé sie mir seinerzeit in Aussicht gestellt hatte, sondern um etwas viel weiter Entferntes, das sogar jenseits der Alpen lag.
    Doch in der Entbehrung, in der wir lebten, bedeutete es ein wahres Manna vom Himmel. Wer hätte es ablehnen können?

Käyserliche Haupt-
und Residenz-Stadt

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