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Veritas

Titel: Veritas
Autoren: Francesco Rita & Sorti Monaldi
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Lulli.
    « Pietate erga Deum / Obsequio erga Regem / Illustris »: Die Inschrift wiederholt sich auf den beiden seitlichen Säulen, von denen ich kurz zuvor nur die näher stehende lesen konnte. «Ruhmwürdig durch Ergebenheit vor Gott und durch Gehorsam gegenüber dem König». In Wirklichkeit steht die erste Tugend im Gegensatz zur zweiten, niemand weiß das besser als ich.

    Das Orchester beginnt, die Totenmesse zu spielen. Man hört die Stimme eines Kastraten:

    Crucifixus et sepultus est

    «Gekreuzigt und begraben», singt er mit zarter Stimme. Ich kann nichts mehr wahrnehmen, um mich herum ist alles verschwommen, die Tränen lösen Gesichter, Farben und Lichter auf, wie bei einem Gemälde, das ins Wasser gefallen ist.

    Atto Melani ist tot. Er starb hier in Paris, in der Rue Plastrière, die zur Pfarrgemeinde von Saint Eustache gehört, vorgestern, am 4. Januar 1714, um zwei Uhr in der Früh. Ich war bei ihm.

    «Bleib bei mir», hat er gesagt und ist verschieden.
    Ja, ich werde bei Euch bleiben, Signor Atto: Wir haben ein Bündnis geschlossen, ich habe Euch ein Versprechen gegeben und werde Euch die Treue halten.
    Es ist nun nicht mehr von Bedeutung, wie viele Male Ihr Euch nicht an unsere Vereinbarungen gehalten habt, wie viele Male Ihr den zwanzigjährigen Hausburschen und späteren Familienvater belogen habt. Dieses Mal werde ich keine Überraschung mehr erleben: Ihr habt Eure Pflicht mir gegenüber bereits erfüllt.
    Jetzt, wo ich nahezu so viele Jahre zähle, wie Ihr einst, als wir uns kennenlernten, jetzt, wo Eure Erinnerungen die meinen sind, wo Eure alten Leidenschaften in meinem Herzen aufflammen, jetzt ist Euer Leben zu meinem geworden.
    Dank einer Reise fand ich Euch vor drei Jahren wieder, und eine andere Reise, die des Todes, führt Euch nun an andere Gestade.
    Gute Reise, Signor Atto. Ihr werdet bekommen, um was Ihr mich gebeten habt.

Rom
Januar 1711
    «Wien? Was um alles in der Welt haben wir in Wien zu suchen?» In Erwartung einer Antwort starrte meine Frau Cloridia mich mit weit aufgerissenen Augen an.
    «Meine Liebe, du bist in Holland aufgewachsen, hast eine türkische Mutter gehabt, bist als nicht mal Zwanzigjährige ganz allein bis hier nach Rom gekommen, und jetzt hast du Angst vor einer kleinen Reise ins Kaiserreich? Was soll ich denn da sagen, wo ich doch nie weiter als bis nach Perugia gekommen bin?»
    «Du sprichst ja nicht von einer kleinen Reise; du erzählst mir, dass wir nach Wien fahren, um dort zu leben! Kannst du vielleicht Deutsch?»
    «Nun ja, nein … noch nicht.»
    «Gib das mal her», sagte sie und riss mir gereizt das Papier aus der Hand.
    Sie las es erneut, zum wer weiß wievielten Mal.
    «Und was zum Teufel soll das sein, diese Schenkung? Ein Grundstück? Ein Ladengeschäft? Eine Anstellung als Diener bei Hofe? Das hier erklärt überhaupt nichts!»
    «Du hast doch selbst gehört, was der Notar gesagt hat: Wir werden es bei unserer Ankunft erfahren, aber es handelt sich bestimmt um eine Schenkung von großem Wert.»
    «O ja, gewiss. Wir klettern über die Alpen, nur um die nächste der unzähligen Betrügereien deines Abbés zu erleben, dieses Gauners, der dich für irgendeine neue wahnsinnige Unternehmung ausnutzen und am Ende wie einen alten Lappen wegwerfen wird!»
    «Cloridia, denk bitte einmal nach: Atto ist jetzt fünfundachtzig Jahre alt. Zu welchen wahnsinnigen Unternehmungen hätte er deiner Meinung nach noch die Kraft? Lange Zeit habe ich sogar geglaubt, er sei tot. Es ist schon viel, dass er einen Notar beauftragen konnte, um seine Schulden bei mir zu begleichen. Sicher hat er gespürt, dass das Ende naht, und wollte mit sich ins Reine kommen. Wir sollten dem Herrgott lieber dankbar sein, dass er uns in einem so schwierigen Moment eine solche Gelegenheit gewährt hat.»
    Meine Gattin schlug die Augen nieder.

    Seit zwei Jahren machten wir schlimme Zeiten durch. Der Winter des Jahres 1709 war äußerst streng gewesen, er hatte im Übermaß Schnee und Eis gebracht. Eine entsetzliche Hungersnot war daraufhin ausgebrochen, und zusammen mit dem verlustreichen Krieg um den spanischen Thron, welcher sich nun schon seit sieben Jahren hinzog, hatte sie das römische Volk ins Elend gestürzt. Meine Familie, in der Zwischenzeit um ein nunmehr sechs Jahre altes Söhnchen gewachsen, hatte diesem unglücklichen Schicksal nicht entrinnen können: Ein Jahr mit Unwettern und starkem Frost, wie man es nie zuvor in Rom gesehen, hatte unser bescheidenes Landgut unfruchtbar

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