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Vergiss mein nicht (German Edition)

Vergiss mein nicht (German Edition)

Titel: Vergiss mein nicht (German Edition)
Autoren: David Sieveking
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Kapitel 1
    Kinderfragen
    Ich kann es kaum fassen: Meine Mutter läuft wieder! Mit wallendem weißen Haar kommt sie schnell auf mich zu, vor sich her schiebt sie eine Gehhilfe auf Rädern.
    »Hallo Gretel«, spreche ich sie an.
    »Nein, wieso«, antwortet sie verwundert, »ich bin nicht hier.« Sie streckt mir die Zunge heraus und sieht für einen kurzen Moment aus wie Albert Einstein auf dem berühmten Foto mit der Grimasse. Ohne mir Beachtung zu schenken, schiebt sie den Rollator an mir vorbei.
    »Wo gehst du denn hin?«
    »Zum Wichtigsten.«
    Zum Wichtigsten? Meint sie meinen Vater? Zielstrebig steuert sie auf eine breite Treppe zu, die sich in einer weiten Biegung in die Tiefe windet und deren Ende nicht abzusehen ist. Meine Freude, dass sie ohne Rollstuhl auskommt, verfliegt, als sie beginnt, die Gehhilfe vor sich her die Treppe hinunterzustoßen.
    »Warte, Gretel!«, rufe ich und renne ihr nach. Doch schon rollert sie mitsamt dem Gerät die Treppe hinab: Klank, klank, klank . Es sieht halsbrecherisch aus. Ich nehme mehrere Stufen gleichzeitig, doch ihr Vorsprung bleibt. Plötzlich sehe ich ein kleines Kind, das allein ist und versucht, auf das Geländer der Treppe zu klettern. Vielleicht ist es ein, zwei, drei Jahre alt und es scheint noch nicht allzu sicher auf den Beinen. Ich zögere einen Moment: Soll ich meiner Mutter folgenoder mich um das Kind kümmern? Hastig wende ich mich dem Treppengeländer zu, an dem sich das Kleine mittlerweile emporgezogen hat. Als ich fast bei ihm bin, wendet es sich erschrocken um, und ich versuche, es festzuhalten. Doch das Kind weicht zurück, verliert den Halt und fällt hintenüber. Ich stürze zum Geländer vor, versuche verzweifelt nach ihm zu greifen, aber es ist zu spät. Ein dumpfer Aufprall ist zu hören. Der kleine Körper liegt regungslos unten am Boden.
    Mir ist schwindelig, ich fühle mich schuldig.
    Dann wache ich auf und es dauert eine Weile, bis ich begreife, dass ich geträumt habe, dass kein Kind zu Tode gefallen ist. Ich liege in meiner Wohnung in Berlin-Kreuzberg, Schneeflocken fallen auf die Dachfenster über mir und verwandeln sich auf der Scheibe in Tropfen. Ich habe Tränen in den Augen.
    Leider kann meine Mutter nur noch im Traum laufen. Seit ihrem Sturz vor gut einem Monat hält sie sich nicht mehr gut auf den Beinen, zu Weihnachten saß sie im Rollstuhl. Nur manchmal macht sie jetzt noch ein paar Schritte mit einer Gehhilfe. Meinen Vater nennt sie wie im Traum ihren »Wichtigsten«. Auch mich hat sie früher ab und zu so genannt, aber mittlerweile ist es bei unseren Begegnungen oft so, als würde sie mich übersehen. Ich spiele keine große Rolle mehr für sie. Natürlich liegt das auch daran, dass ich mich in letzter Zeit kaum habe blicken lassen.
    Eigentlich ist meine Mutter Gretel bei meinem Vater und der Pflegerin, die mittlerweile bei meinen Eltern wohnt, in guten Händen. Aber seit sich ihre Verfassung in der Zeit zwischen den Jahren so verschlechtert hat, kriege ich bei jedem Anruf von zu Hause einen Schrecken.
    »Wir müssen alle einmal sterben«, sagte mein Vater neulich düster am Telefon, »aber Gretel ist die Nächste. Sie hat denFernseher abgeschaltet.« Als ich das hörte, verstand ich zuerst nicht und dachte: ›Na, wenn sie es noch schafft, selbstständig den Fernseher abzuschalten, kann es ja nicht so schlimm sein!‹ Erst im Laufe des Gesprächs begriff ich, dass mein Vater das Bewusstsein meiner Mutter gemeint hatte. In einem ihrer wachen Momente sagte sie meinem Vater vor Kurzem: »Wenn ihr nicht mehr da seid, bin ich tot.«
    Mein Traum hinterlässt bei mir das Gefühl, etwas versäumt zu haben und für etwas Schreckliches verantwortlich zu sein. Was hat das Kind zu bedeuten, das vom Geländer stürzte? Bevor meine Mutter ihr Gedächtnis verlor, hatte sie mich nie direkt auf Kinder angesprochen. Ich bin ihr Jüngster und als einziger unter meinen Geschwistern noch kinderlos. Als sie vor zwei Jahren schon große Teile ihres Sprachvermögens eingebüßt hatte und völlig desorientiert in den Tag hinein lebte, wurde das Thema plötzlich ganz zentral.
    »Wie geht’s dir, Gretel?«, fragte ich sie eines Morgens.
    »Du bist da! Dieses, dass du da bist, das find’ ich sehr angenehm. Aber sonst – also ich hab’ keine Tiere und keine kleinen Kinder, mit denen ich was machen kann. Ich geh’ mit denen auch gerne mal ein bisschen rum, wenn die das auch gerne machen, gell. Und du?«
    »Ich? Na, ich hab’ halt noch gar keine Kinder«,

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