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Verführerischer Dämon: Roman (German Edition)

Verführerischer Dämon: Roman (German Edition)

Titel: Verführerischer Dämon: Roman (German Edition)
Autoren: Carolyn Jewel
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1 n
    Eiseskälte prickelte auf Alexandrine Marits Nacken und ließ eine Gänsehaut über ihre Arme laufen. Der Kältehauch hätte sie warnen sollen, doch sie war abgelenkt und konnte nicht richtig denken. So blieb sie auf ihrer Couch sitzen, statt etwas zu unternehmen, schaute sich lediglich um, ob alle Fenster geschlossen waren, und rieb sich geistesabwesend die kribbelnde Haut. Ihr schäbiges Apartment war nicht sonderlich groß, daher dauerte das Überprüfen keine zwei Sekunden. Sämtliche Fenster waren geschlossen.
    Der Grund für ihre Ablenkung saß direkt vor ihr. Harsh Marit. Um genau zu sein: Dr. Harsh Marit. Ihr Bruder, von dem sie die letzten zehn Jahre über geglaubt hatte, er wäre tot. Und jetzt die große Überraschung: Er war gar nicht tot.
    Im Augenblick telefonierte er. Hatte ihr halb den Rücken zugewandt. Als ob es sich dadurch vermeiden ließe, dass sie mithörte.
    Alexandrine hatte den Schock darüber, dass er so plötzlich wieder aufgetaucht war– und das quicklebendig– noch nicht überwunden. Sie zitterte. Sie war hin- und hergerissen zwischen Freude und Unglauben, und unablässig verspürte sie den demütigenden Drang zu weinen. Sie versuchte, sich wieder zu beruhigen, während er in sein verdammtes iPhone sprach, doch es gelang ihr nicht.
    » Ja«, sagte er gerade.
    Wieder traf die Kälte sie, lief über ihre Haut. Alexandrine veränderte ihre Sitzposition und setzte ihr Nein-ich-bin-so-höflich-und-höre-wirklich-nicht-zu-Gesicht auf. Natürlich hörte sie jedes Wort, das ihr Bruder sagte. Auch wenn er gerade nicht sehr redselig war. Die meiste Zeit über lauschte er.
    Und so ging es weiter: Er sprach, er hörte zu. Wann immer er redete, senkte er, oh, wie geheimnistuerisch, die Stimme, dabei saß sie doch ganz nah bei ihm mit bestens funktionierenden Ohren. Wenn er zuhörte, wirkte er vollkommen konzentriert.
    Erneut prickelte Alexandrines Haut, an ihrem Nacken und an ihren Armen. Diesmal jedoch begriff sie, dass ihre Gänsehaut nichts mit möglicherweise offen stehenden Fenstern in ihrer Wohnung zu tun hatte oder damit, dass sie immer noch völlig erschüttert vom plötzlichen Auftauchen ihres Bruders war. Stammte diese dritte Warnung vielleicht von ihrem Talisman?
    Nein, ihre Reaktion hatte einen völlig anderen Grund.
    Alexandrines Magen zog sich zusammen. Wieso ausgerechnet jetzt? Als ob sie nicht schon genug um die Ohren hätte.
    Harsh blickte einmal kurz zu ihr herüber, während er sprach, und das merkwürdige Prickeln verschwand, genau wie das Unbehagen, das sie verspürte. Merkwürdig. Normalerweise kamen und gingen ihre Vorahnungen nicht wie Flut und Ebbe. Sie wusste zwar nie, wann eine solche Ahnung sie überfallen würde, doch wenn eine sie erfasste, dann hielten die körperlichen Anzeichen an, bis das Problem sich erledigt hatte. So oder so. Dass sie sich nun wieder ganz normal fühlte, irritierte sie, und sie fragte sich, ob sie mit ihrer Vermutung nicht doch falschlag.
    Ihr Bruder lauschte jetzt wieder ins Telefon, und plötzlich war die Gänsehaut erneut da, lief ihre Arme hinauf zu ihrem Hals und dann ihr Rückgrat hinunter. Ihr war kalt. Von innen heraus. Also doch. Sie irrte sich nicht. Etwas Übles braute sich über ihr zusammen.
    » Fein«, sagte Harsh ins Telefon, dann beendete er das Gespräch. Einen Moment lang starrte er auf die Symbole auf dem Display seines iPhones. Gott, war das ein tolles Gerät!
    Die Kälte blieb. Sie ging nicht wieder weg. Im Gegenteil, sie verstärkte sich.
    O Shit, dachte Alexandrine.
    Einmal, vor vielen Jahren, als sie noch ein Teenager war und zu Hause lebte, hatte sie sich ein paar Minuten lang mit einem älteren Typ unterhalten, der ihr vollkommen normal erschien. Doch während sie redeten– gut, sie war ein wenig abgelenkt, weil sie gleichzeitig überlegte, ob sie sich auf einen Flirt mit ihm einlassen sollte, weshalb sie wohl die Anzeichen nicht von Anfang an bemerkt hatte– und sie ihn ansah, hatte es sie wie ein Schlag getroffen. O Mann, ein Blick in die Augen des Kerls genügte, und sie wusste es. Hundertprozentig. Dass er sie umbringen wollte.
    In diesem Moment hatten sämtliche Alarmsignale auf einmal geblinkt. Er war auf der Suche nach einem Opfer. Und wenn sie nicht augenblicklich verschwand, sofort und auf der Stelle, dann würde es sie treffen. Also verschwand sie. Blitzschnell.
    Zwei Tage später fand man die Leiche eines Mädchens nur knapp einen Block von dem Ort entfernt, an dem sie dem Typen begegnet war. Es folgte

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