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Vanilla aus der Coladose

Vanilla aus der Coladose

Titel: Vanilla aus der Coladose
Autoren: Eva Hierteis
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machte jetzt Vanilla große Augen.
    Laili musste kichern. »Meine Mama will nicht, dass wir tote Tiere essen. Also gibt’s nur Käse. Mal sehen, was Paps alles eingekauft hat.« Sie öffnete den Kühlschrank, der ein unwilliges Brummen von sich gab, als wolle er sie anknurren. Sein Licht leuchtete ihr hell ins Gesicht. »Käse. Käse. Butter. Marmelade. Gürkchen. Milch. Ach, und Käse.«
    »Sonst nichts?«
    »Stinkekäse.«
    Vanilla machte ein enttäuschtes Gesicht.
    »Und Zwiebeln.« Laili deutete grinsend auf ein Körbchen Zwiebeln hinter Vanilla im Regal.
    Das Gesicht des Flaschengeists hellte sich auf. Laili schnitt drei Scheiben Brot ab und begann, sie mit Butter zu bestreichen. Vanilla lümmelte sich auf die lange Küchenbank an der Wand. Sogar das sah bei ihr anmutig aus. Dann betrachtete sie ein Plakat, auf dem im fahlen Straßenlampenschein von draußen der Gewürzstand eines orientalischen Marktes zu erahnen war.
    »Willst du einen Saft?«, fragte Laili.
    Vanilla zuckte zusammen. »Nee, lass mal. Wir Flaschengeister müssen nichts trinken. Aber leg ruhig noch ein paar Scheiben mehr drauf.« Sie deutete auf die zwei Brote, die Laili gerade mit Käse belegte. »Und auf das dritte dick Marmelade.«
    Die ließ sich ja ganz schön bedienen. »Bitte sehr, die Dame!« Laili stellte den Teller vor Vanilla hin, die umgehend die Schuhe abstreifte und die Füße auf den Tisch legte. »Ach, herrlich!«, seufzte sie. »Im Liegen schmeckt es einfach am besten. Wie in der guten, alten Zeit . . .«Sie stapelte die drei Brote übereinander und biss herzhaft in ihren Käse-Marmeladen-Käse-Burger.
    Laili hielt beim Marmeladenmesser-Abschlecken inne. »Tu doch nicht so, als ob du schon hundert Jahre auf dem Buckel hättest«, nuschelte sie, ohne das Messer aus dem Mund zu nehmen.
    Vanilla sah von ihrem Riesensandwich auf. »Hör mal, ich bin doch kein Baby mehr. Ich bin 333 Jahre alt.« Ihr entfuhr ein entrüsteter Rülpser. »Upsi. Entschuldige.«
    Laili verschluckte sich und begann zu husten.
    »Brauchst mich gar nicht so anglotzen«, meinte Vanilla. »333 Jahre ist jung für einen Flaschengeist. Deshalb bin ich auch noch in der Flaschengeistausbildung. Und dazu gehört auch, auf Wanderschaft zu gehen. Um mein Wissen und meine magischen Fähigkeiten zu vervollkommnen. Eigentlich komme ich nämlich aus Beirut.«
    »Aus Bayreuth?«
    Vanilla schüttelte den Kopf, dass ihr schwarzer Haarschleier flog. »Nein. Aus Beirut«, wiederholte sie. »Das liegt im Orient. Dort haben sich meine Flaschengeisteltern kennengelernt. Im Friseursalon
Lotosblüte.
Und sie wohnen noch immer dort in dem Geschäft. Meine Mutter in einer ausgedienten Haarspraydose und mein Vater in einem leeren Rasierschaum.« Sie seufzte.
    Ob sie wohl Heimweh hatte?, fragte sich Laili.
    Vanilla schielte nach den Zwiebeln im Regal. Sie stand auf, stibitzte sich eine aus dem Korb, zog sie mit den Zähnen ab und biss genüsslich hinein.
    »Mmmm«, machte sie.
    Ihhhhh, dachte Laili und unterdrückte ein Gähnen.
    »Komm, wir gehen lieber wieder in mein Zimmer. Nicht, dass dich noch jemand entdeckt.«
    Das Flaschengeistmädchen packte schnell die restlichen Zwiebeln auf ihren Teller und folgte Laili aus der Küche.
    Während Laili sich in ihr Bett kuschelte, ließ sich Vanilla auf dem Flauscheteppich davor nieder.
    Bei fünf weiteren Zwiebeln berichtete sie Laili, wie sie überhaupt in die Coladose hineingekommen war. Eine Frage, die sich Laili auch schon gestellt hatte.
    »Also, das war so«, begann Vanilla. »Ich hab mir in der Colafabrik eine kuschelige Dose ausgesucht. Und als ich es mir darin gerade richtig gemütlich gemacht hatte, hör ich plötzlich so ein übles Plätschern, das immer näher und näher kommt.
Upsi, das Cola!
Im letzten Moment hab ich mich mitsamt Dose zur Seite geworfen und das Zeug ist danebengegangen. Bis auf zwei, drei Tropfen hab ich nichts abbekommen. Aber auf einmal wird meine Dose auf dem Fließband wieder aufgestellt, es macht
Plonk!
und der Deckel ist obendrauf.« Sie brach ab. Aber nur, um kurz Luft zu holen. »Ich war gefangen. Meine Dose wurde auf einen Laster verladen. Doch der hatte einen Unfall, und so purzelte meine Dose runter. Ich überschlug mich mehrere Male. Dann blieb die Dose still liegen. Und da saß ich dann fest. 30 Jahre lang. Aber weißt du, so 30 Jahre vergehen recht schnell, wenn man dem Meeresrauschen lauschen kann. War eigentlich ziemlich romantisch«, fügte sie hinzu und warf die Haare

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