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Vanilla aus der Coladose

Vanilla aus der Coladose

Titel: Vanilla aus der Coladose
Autoren: Eva Hierteis
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V or dem Haus in der Krawallskistraße 17 flatterten 17 Unterhosen an der Wäscheleine. Eine ganze, lange Leine voller riesiger zitronengelber Schlüpfer, die sachte im warmen Sommerwind schaukelten. Von der Buche vor dem Haus segelte das erste gelbe Blatt zu Boden und von einem Ast ebenjener Buche ließ ein kleiner graubrauner Vogel trällernd seinen Vogelschiss geradewegs auf eine ebenjener Unterhosen fallen. Es war auch schwer, sie zu verfehlen.
    In der Krawallskistraße 17 herrschte Ruhe. Himmlische Ruhe. Wunderbare Schlafe-friedlich-ein-Ruhe und traumhafte Schlafe-lange-aus-Ruhe, bis . . .
    Ja, bis ein großes dreckig weißes Taxi vorfuhr, alle Türen gleichzeitig aufflogen und plötzlich der schmale Gehsteig voller Leute und Taschen und Koffer stand: Da war Mama – urlaubsbraun gebrannt und in ein farbenfrohes Flattergewand gehüllt. Papa mit Jeans, einem Hawaiihemd und einem Sonnenbrand auf der Nase. Der 13-jährige Olaf – wie immer ganz in Schwarz und mit Totenkopfschlabber-T-Shirt, aus dessen zu weiten Ärmeln seine zu dünnen und zu langen Arme ragten. Die Kapuze hatte er sich trotz der Vorgewitterschwüle über den Kopf gezogen. Zwischen den Beinen der Großen krabbelte die dreijährige Mathilda laut bellend auf allen vieren auf dem Gehsteig auf und ab, sodass ihre dünnen aschblonden Zöpfe im Wind wedelten. Als Letzte stieg Laili aus. Die wilde rotbraune Wuschelmähne stubbelte ihr ums Gesicht und aus ihrer abgeschnittenen, knielangen Jeans hingen unten zwei Fäden heraus. Stopp – das waren ja ihre langen, dürren, neuneinhalbjährigen Beine. Sie hatte eine Himmelfahrtsnase, die so stupsig war, dass es fast hineinregnete (sagte zumindest Olaf), und Augen wie das Meer – aber da wo ein dreckiger Fluss reinmündete. Sagte auch Olaf. Papa nannte es Nordseegrüngraublau. Das klang viel schöner, fand Laili. Nordseeaugen . . .

    Während es auf dem Gehsteig wimmelte und wuselte und winselte, wurde im Erdgeschoss des Hauses Nummer 17 unauffällig ein Vorhang zur Seite gezogen.
    »Oh nein, Hermännchen! Nachtweh und seine Meute!«, stöhnte eine dicke Frau mit gelben Locken. Alles an Frau Speckfett war gelb: die Dauerwellen, die Zähne, die riesigen Schlüpfer. Auch ihr Hermännchen trug eine gelbe Schleife im Haar. Jetzt gab er ein klägliches Jaulen von sich und zog den Schwanz ein. Er war ein Yorkshireterrier.
    Mit
Nachtweh
meinte Frau Speckfett nicht etwa, dass sie unter nächtlichen Schmerzen litt. Sie meinte Lailis Vater Bernd Nachtweh und seine Familie. Unter der litt sie allerdings auch. Dabei hieß seine Frau gar nicht Nachtweh, sondern Ulrike Brot, die sich aber, um es noch komplizierter zu machen, überall
Ulaya Papaya
nannte. Und die Meute, das waren dann wohl Olaf, Laili und Mathilda.
    »Die Hauszelte von der Speckfett hängen schon wieder vor der Tür. Damit alle Nachbarn was von ihrem Elefantenarsch haben«, lästerte Olaf hinter seinem Pony, der ihm wie ein Vorhang übers Gesicht hing. Es war eine seiner seltenen Äußerungen. Manchmal hörte Laili tagelang kein Wort von ihrem Bruder.
    »Nicht so laut, Olaf!«, zischte Papa und winkte Frau Speckfett, die er hinter dem Vorhang erspäht hatte, freundlich zu, woraufhin der Vorhang an seinen Platz zurückglitt und Frau Speckfetts neugierige Nase vom Fenster verschwand.
    Währenddessen stieß Mathilda ein Knurren aus und fletschte die Zähne. Mit wildem Gebell fuhr sie die Krallen aus und kratzte dem Taxifahrer übers Hosenbein. Der arme Mann zuckte zusammen und sah sehr verunsichert aus.
    »Sie haben wohl keine Kinder?«, fragte Mama.
    Er schüttelte den Kopf und machte ein Gesicht, als ob er jetzt auch keine mehr wollte. Mathilda hatte inzwischen mit ihren kleinen, scharfen Milchzähnen nach seinem Hosenbein geschnappt und zerrte daran.
    Papa war das Ganze sichtlich unangenehm. Er zückte seinen Geldbeutel, zog hastig ein paar Scheine heraus und reichte sie dem verstörten Fahrer. Dann lud er weiter das Gepäck aus dem Kofferraum und hängte Mathilda ihre Kindertasche um den Hals. Endlich ließ sie von dem Taxifahrer ab und dackelte auf allen vieren zum Haus voran, wo sie hechelnd vor dem Eingang sitzen blieb und Mama auffordernd ansah. Als ihr nicht sofort jemand aufsperrte, begann sie zu winseln.
    So eine Nervensäge! Laili fragte sich manchmal, ob sie die einzige Normale in dieser Familie war. Eigentlich fragte sie sich das sogar täglich. Stündlich. Minütlich. Olaf mit seinem Totenkopfdachschaden, Mama mit ihrem Orientfimmel, Papa, der

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