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Unzaehmbares Verlangen

Titel: Unzaehmbares Verlangen
Autoren: Jayne Ann Krentz
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1
    Charlie, du alter Gauner, du hattest schon immer einen seltsamen Sinn für Humor. Warum, zum Teufel, hast du mir das angetan?
    Joel Blackstone ließ seinen Blick über die Gruppe der Trauernden schweifen, die in den vorderen Reihen der kleinen Kirche Platz genommen hatten. Die Sonnenstrahlen, die durch die Buntglasscheiben fielen, erzeugten ein schimmerndes Leuchten in der ovalen Kuppel. Die Stimme des Priesters klang laut und erstaunlich fröhlich für eine Trauermesse.
    »Charlie Thornquist war so begeistert von der Fischerei wie kein anderer Mensch, den ich je gekannt habe«, sagte er. »Und das will schon etwas heißen, denn ich bin selbst ein leidenschaftlicher Angler. Für mich war das Fischen allerdings immer ein Freizeitvergnügen, ein Hobby. Für Charlie schien es eine Berufung.«
    Zur rechten Seite des Priesters stand eine Urne auf einem hölzernen Gestell. Sie trug ein kleines Messingschild mit den Worten: >Ich bin beim Fischens In der Urne befanden sich die sterblichen Überreste von Joels fünfundachtzigjährigem Boß, Charlie Thornquist. Einige Fotografien von Charlie und seinen preisgekrönten Fängen waren um die Urne postiert. Das eindrucksvollste Bild zeigte Charlie mit einem Schwertfisch, den er an der Küste von Mexiko aus dem Wasser gezogen hatte.
    Joel konnte es immer noch nicht glauben, daß der alte Mistkerl ihn einfach im Stich gelassen hatte. Sie hatten fest vereinbart, daß Joel in einem Jahr die Firma übernehmen würde -und nun hatte Charlie ihn übers Ohr gehauen. Nach seinem Tod war das Unternehmen, das Joel aufgebaut hatte, an die Tochter von Charlies Neffen gegangen. Miß Letitia Thornquist war Bibliothekarin und arbeitete an einem College irgendwo im Mittelwesten - in Kansas oder Nebraska oder einem anderen dieser gottverlassenen Staaten.
    Verdammt, Thornquist Gear gehörte ihm, Joel Blackstone, und er würde nicht zulassen, daß die Firma in die Hände einer Frau geriet, die ihr Leben bisher in einem Elfenbeinturm verbracht hatte und eine Bilanz nicht von einem Lexikon unterscheiden konnte. Joels Magen krampfte sich vor Zorn zusammen. Er war so nahe daran gewesen, Thornquist Gear zu besitzen.
    Genau betrachtet gehörte ihm diese Firma schon seit langem. Er hatte sie in den letzten zehn Jahren aufgebaut, hatte alles dafür geopfert, und jetzt zählte sie zu den marktführenden Unternehmen. Seit acht Monaten war er dabei, einen langersehnten Rachefeldzug vorzubereiten. Um seinen Plan durchführen zu können, brauchte er allerdings die Kontrolle über Thornquist Gear.
    Irgendwie mußte er es schaffen, die Firma doch noch zu übernehmen. Die kleine Bibliothekarin aus Iowa - oder woher auch immer sie kam - konnte ihm gestohlen bleiben.
    »Wir haben uns heute hier versammelt, um Abschied von Charlie Thornquist zu nehmen«, fuhr der Priester fort. »Es ist ein trauriger Moment, aber wir sollten daran denken, daß wir ihn jetzt in den Händen des Allmächtigen wissen.«
    Wir hatten eine Vereinbarung, Charlie. Ich habe dir vertraut. Warum mußtest du jetzt sterben und mich im Stich lassen?
    Joel mußte sich natürlich eingestehen, daß Charlie wohl kaum absichtlich einem Herzinfarkt erlegen war, bevor er sein Testament ändern konnte, wie es eigentlich geplant war. Charlie hatte geschäftliche Dinge immer schleifen lassen, um sich seinem Hobby, dem Fischen, widmen zu können. Und dieses Mal hatte der gute alte Charlie seine Angelegenheiten zu lange vernachlässigt.
    So war Joel nun nicht Besitzer von Thornquist Gear, der expandierenden, großen Sportartikelfirma mit dem Hauptsitz in Seattle, sondern hatte einen neuen Boß bekommen. Er knirschte frustriert mit den Zähnen. Meine Güte, jetzt arbeitete er für eine Bibliothekarin!
    »Den größten Teil seines Lebens widmete Charlie seiner Leidenschaft.« Der Priester lächelte freundlich. »Seine Passion war das Fischen. Für Charlie zählte nicht der eigentli-che Fang, sondern die Natur. Charlie war am glücklichsten, wenn er mit einer Angelrute in der Hand in einem Boot saß.«
    Das war richtig. Joel dachte daran, wie er aus Thornquist Gear, einem kleinen Laden, ein gewinnbringendes Unternehmen gemacht hatte, während Charlie sich die Zeit mit Angeln vertrieb. Er, Joel, war der hungrige Hai auf der Jagd nach Beute gewesen. Charlie hätte diese Formulierung sicher gefallen.
    Joel kniff die Augen zusammen und versuchte, in dem goldenen Licht, das durch die bunten Fenster drang, die drei Menschen in der ersten Reihe genauer zu sehen.
    Dr.

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