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Untot in Dallas

Untot in Dallas

Titel: Untot in Dallas
Autoren: Charlaine Harris
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       Kapitel 1
    Andy Bellefleur war sturzbetrunken. Das passiert Andy wirklich nicht oft. Ich muß es wissen - ich kenne die Schluckspechte von Bon Temps. Meine Arbeit im Lokal Sam Merlottes, der ich jetzt bereits seit ein paar Jahren nachgehe, hat mich mit so gut wie allen von ihnen bekanntgemacht. Andy Bellefleur, Sohn dieser Stadt und Ermittler in der kleinen Polizeitruppe, die wir unser eigen nennen, hatte sich jedenfalls noch nie zuvor im Merlottes betrunken, und ich hätte natürlich nur zu gern gewußt, warum der heutige Abend da eine Ausnahme bildete.
    Man kann Andy und mich wahrlich nicht als enge Freunde bezeichnen, ich konnte ihn also unmöglich direkt fragen. Aber mir stehen andere Mittel und Wege zur Verfügung, und ich beschloß, mich ihrer zu bedienen. Ich versuche wirklich, mich meiner Behinderung - oder meiner Gabe, je nachdem, wie Sie es sehen wollen - nur eingeschränkt zu bedienen und mein Talent nur einzusetzen, wenn es gilt, Dinge herauszufinden, die mich oder die Meinen in irgendeiner Weise betreffen könnten. Aber manchmal siegt auch ganz einfach die Neugier über alle guten Vorsätze.
    Ich schob also mein geistiges Visier hoch und las Andys Gedanken. Gleich darauf tat es mir auch schon leid.
    Andy hatte einen Mann wegen Kindesentführung verhaften müssen. Dieser Mann hatte ein zehnjähriges Mädchen aus seiner Nachbarschaft in den Wald gelockt und vergewaltigt. Das Mädchen lag im Krankenhaus, und der Mann saß im Gefängnis, aber der Schaden war angerichtet und ließ sich nicht wiedergutmachen. Ich war den Tränen nahe. Dieses Verbrechen erinnerte mich allzusehr an Geschehnisse aus meiner eigenen Vergangenheit. Andy gefiel mir gleich etwas besser, weil die Sache ihn so sehr deprimierte.
    „Gib mir deine Autoschlüssel, Andy“, befahl ich streng, woraufhin er mir ein wenig verständnislos dreinschauend sein breites Gesicht zuwandte. Es folgte ein langes Schweigen, aber dann waren meine Worte und deren Bedeutung endlich wohl doch bis in Andys vernebelte Hirnwindungen gedrungen. Umständlich durchwühlte der Detective die Taschen seiner Jeans und überreichte mir schließlich einen schweren Schlüsselbund. Ich stellte ihm daraufhin einen weiteren Bourbon mit Cola hin. „Der geht auf mich“, sagte ich und ging hinüber zum Telefon am anderen Tresenende, um Portia, Andys Schwester, anzurufen. Die Geschwister Bellefleur bewohnten gemeinsam ein etwas heruntergekommenes, riesiges, zweistöckiges Haus aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg. Das Haus hatte schon bessere Tage gesehen und war einst prachtvoll gewesen. Es lag in einer der hübschesten Straßen im schönsten Teil Bon Temps'. Hier, in der Magnolia Creek Road, lagen die Häuser allesamt zu einem Streifen Parkland hin, durch den sich ein kleiner Fluß schlängelte. Hier und da querten anmutige Fußgängerbrücken diesen Fluß, und zu beiden Seiten des Parks verlief eine Straße. An der Magnolia Creek Road befand sich noch eine Reihe weiterer alter Anwesen, die sich aber in einem weit besseren Zustand befanden als Belle Rive, das Haus der Bellefleurs. Weder Portia als Anwältin noch Andy als Polizist verdienten genug, um Belle Rive so instand zu halten, wie es hätte getan werden müssen, und das Geld, das man eigentlich braucht, um ein solches Haus und das dazugehörige Anwesen angemessen zu unterhalten, war längst fort. Caroline, die Großmutter der beiden, weigerte sich jedoch stur und standhaft zu verkaufen.
    Portia ging nach dem zweiten Klingeln an den Apparat.
    „Portia, hier spricht Sookie Stackhouse“, sagte ich, wobei ich die Stimme erheben mußte, um den Kneipenlärm zu übertönen.
    „Du bist wohl arbeiten?“
    „Ja. Andy ist hier. Angeschickert und ziemlich durch den Wind. Ich habe ihm die Autoschlüssel abgenommen. Kannst du ihn abholen kommen?“
    „Andy ist betrunken? Das kommt ja wirklich selten vor. Klar, ich bin in zehn Minuten da“, versprach Portia und legte auf.
    „Sookie, du bist lieb“, verkündete Andy plötzlich.
    Die Cola-Bourbon-Mischung, die ich ihm eingeschenkt hatte, hatte er bereits ausgetrunken. Ich nahm ihm hastig das Glas weg, damit er nicht nach einem weiteren Drink fragen konnte. „Vielen Dank für die Blumen, Andy“, sagte ich. „Du bist auch ziemlich okay.“
    „Wo issen ... der Liebste?“
    „Direkt hinter Ihnen“, ertönte eine kühle Stimme, und unmittelbar hinter Andys Rücken tauchte Bill Compton auf. Über Andys Kopf hinweg, der dem Polizisten immer wieder auf die Brust zu

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