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Unterwirf dich

Unterwirf dich

Titel: Unterwirf dich
Autoren: Molly Weatherfield
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Der erste Tag
    Vor der Französischen Revolution gehörte der Familie des Marquis de Sade die halbe Provence. Schon im Mittelalter hatte sie begonnen, Vermögen anzuhäufen. Das erste Familienmitglied, das offiziell diesen Namen trug, Louis de Sade, Bürgermeister von Avignon, finanzierte 1177 den Bau der St-Bénézet-Brücke – die berühmte Brücke von Avignon. Das Wappen der Familie ist noch heute am ersten Brückenbogen zu sehen.
    Die Familie de Sade erlangte ihren Reichtum durch Handel mit Stoffen und Holz, mit Brauereien und der Herstellung von Seilen. Außerdem kassierte sie die Zölle der Brücke St-Bénézet. Damals konnte jeder reiche Kaufmann, Bankier oder Schiffer einen Adelstitel erlangen. Die Familie festigte ihre Position durch zahlreiche Eheschließungen mit den ältesten Adelsgeschlechtern der Region und durch ihre Dienste am reichen, korrupten Papsthof in Avignon. Die italienischen Beamten dort hassten Avignon und sehnten sich nach Rom zurück. Der brillante junge Höfling Petrarca schrieb, dass die Mistralwinde im Winter die Gegend in »eine Kloake (verwandelten), in der sich der Dreck des gesamten Universums sammelt«.
    Noch heute stehen Avignons mittelalterliche Stadtmauern. Nur die Hälfte aller Brücken ging beim großen Rhône-Hochwasser des 17. Jahrhunderts verloren. Der mächtige Papstpalast, dessen Innenräume geplündert und bis auf die Grundmauern zerstört wurden, als die Französische Nationalversammlung ihn 1791 vereinnahmte, steht leer. Ein Jahrhundert voller Intrigen, Exzesse und Ausschweifungen hallt in seinen Mauern wider. Die Stadt selbst ist, wie große Teile der Provence, von Touristen übervölkert und sehr teuer. Und im Sommer herrscht auf der Place d’Horloge drangvolle Enge.
    An diesem sonnigen Tag Mitte März jedoch herrschte dort zwar Leben, aber es war nicht überfüllt. Ein Amerikaner saß vor einem der Cafés am Platz, trank Kaffee und versuchte stirnrunzelnd ein französisches Architekturmagazin zu lesen. Trendy, dachte er, trendy und prätentiös. Allerdings war er sich seiner Einschätzung nicht besonders sicher. Sein Französisch war nicht gut, außerdem konnte er sich zu diesem Zeitpunkt kaum auf die Lektüre konzentrieren. Er saß so, dass er die Rue Jean-Jaures in Richtung Bahnhof überschauen konnte, und jedes Mal, wenn eine schlanke junge Frau mit kurz geschnittenen Haaren die Straße entlangkam, blickte er auf.
    Viele Leute schlenderten an jenem Tag über den Platz, viele Frauen, die er gerne anschaute. Das weiche Licht der provenzalischen Sonne schien durch das Laub der Platanen auf ihre kleinen Brüste. Und da er außergewöhnlich gut aussah (seine grauen Schläfen signalisierten auf elegante Weise, dass er sich den Vierzigern näherte), blieben seine Blicke nicht unbemerkt. Einmal drehte eine der jungen Frauen, die er beobachtet hatte, sich zu ihm um und lächelte ihn an. »Wenn ich doch nur sie wäre«, sagte sie. Es dauerte einen Moment, bis er ihre französische Aussprache verstanden hatte, aber dann erwiderte er ihr Lächeln und zuckte bedauernd mit den Schultern. Er stand auf und ging zu einem Tabakladen. Mein erstes Päckchen seit sechs Monaten, dachte er. Verflucht.
    Er hatte bereits zehn Gitanes im Aschenbecher ausgedrückt, als eine schlanke junge Frau mit sehr kurzen braunen Haaren sich schnellen Schritts dem Platz näherte. Sie war blass und hübsch und trug eine Lederjacke über einer weiten weißen Bluse, einem schwarzen Minirock, schwarzen Strümpfen und Cowboystiefeln. Auf ihrer Nase saß eine dunkle Sonnenbrille. Ihren roten Ledersack hatte sie über eine Schulter geschlungen, und in der Hand hielt sie eines dieser Notizbücher, die in Zeitschriftenläden verkauft wurden.
    Pas mal, dachte die Frau, die ihn vorhin angelächelt hatte. Nicht schlecht. Zwar nicht so fantastisch wie er, aber immerhin hat sie eine gute Figur. Und Stil – gamine in sehr teurem Leder. Die Frisur ist gut – nicht ganz kahl rasiert, aber beinahe. Sie sieht sehr beeindruckend und verletzlich damit aus. Und jung – Jean Seberg, die auf den Champs Élysées die Herald Tribune verkauft. Oh, aber sie ist auch noch jung, das kann ich jetzt sehen, da sie den Kopf gedreht hat. Sogar sehr jung, dreiundzwanzig, vierundzwanzig vielleicht? Tiens, Monsieur, nicht sehr originell von Ihnen.
    Sie schniefte missbilligend und wollte eigentlich dem Kellner winken, um zu bezahlen. Aber irgendetwas an der Szene fesselte ihre Aufmerksamkeit. Der Mann hatte sich im Stuhl aufgerichtet,

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