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Unser empathisches Gehirn: Warum wir verstehen, was andere fühlen (German Edition)

Unser empathisches Gehirn: Warum wir verstehen, was andere fühlen (German Edition)

Titel: Unser empathisches Gehirn: Warum wir verstehen, was andere fühlen (German Edition)
Autoren: Christian Keysers
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EINLEITUNG Was Menschen verbindet
    Der schönste Tag meines Lebens begann mit einem Ereignis, das man als Misserfolg bezeichnen könnte. Auch die unbedeutendsten Einzelheiten dieses Augenblicks werden mir immer im Gedächtnis bleiben. An einem Samstag im Januar 2004 waren die schroffen Grate der Dolomiten rund um die kleine Südtiroler Ortschaft Kastelruth mit Neuschnee bedeckt. Valeria und ich saßen in einer winzigen Kirche vor zwei katholischen Geistlichen. »Sie können jetzt Ihr Ehegelübde ablegen«, sagte einer von ihnen. Mein Herz begann, heftig zu klopfen.
    Die Worte, die ich sagen sollte, – ich hatte sie im Kopf unzählige Male wiederholt und eingeübt – hatte ich natürlich parat, aber jetzt, da mir Valeria in die Augen schaute und die Blicke meiner engsten Freunde und Angehörigen auf mir ruhten, hatte ich plötzlich einen Kloß im Hals und Tränen in den Augen. Ich versuchte, ein Wort zu formen – eher das Fragment eines Wortes –, und schon brach mir die Stimme. Alles wartete darauf, dass ich etwas sagte; das Schweigen wurde lauter und lauter. Also begann ich erneut und hörte mir wie von außen zu, als wäre ich ein Fremder.
    Und dann geschah etwas. Immer noch um Worte ringend, blickte ich die Menschen um mich her an. Anstelle der erwarteten Ungeduld sah ich, dass ein guter Freund von mir in der ersten Reihe ein Taschentuch hervorgeholt hatte. Ich schaute meinen Vater an und bemerkte, dass sein Gesicht tränenüberströmt war. Sogar unser Fotograf hatte aufgehört zu knipsen. Diese Menschen schienen – zumindest teilweise – zu fühlen, was ich fühlte. Als ich das begriff, vermochte ich fortzufahren. Zwar schwankte meine Stimme noch immer, und mir schien, als brauchte ich Minuten, um die Formel endlich herauszubekommen, aber schließlich brachte ich sie zustande (– und Valeria sagte »Ja«).
    Bei dieser Geschichte geht es mir nicht darum, was mir passierte, sondern was mit den anderen Menschen in der Kirche geschah. Wir alle haben schon Augenblicke wie diesen erlebt, Augenblicke, in denen wir nicht um unsertwillen, sondern um anderer willen gerührt waren.
    Die Emotionen anderer können ein Teil von uns werden – können unsere Emotionen werden, als würde das, was anderen zustößt, auf uns übergreifen. Um das zu empfinden, bedarf es keiner Anstrengung. Es geschieht einfach – automatisch, intuitiv und weitgehend unserem Willen entzogen. Unser Gehirn ist der Akteur, der Handelnde. Tatsächlich ist diese Fähigkeit unseres Gehirns – eine emotionale Verbindung zu anderen Menschen herzustellen – ein Großteil dessen, was uns zu Menschen macht. Doch wie stellt unser Gehirn das an? Warum sollten die Gefühle anderer so großen Einfluss auf uns haben? Darum geht es in diesem Buch.
    Natürlich teilen wir nicht nur glückliche Augenblicke. Wie Sie gleich sehen werden, wirken andere Emotionen genauso. Gelegentlich werde ich zu Vorträgen eingeladen, um meine Forschungsarbeiten vorzustellen. Hin und wieder führen mich diese Einladungen in ferne Weltgegenden, wo ich vor Zuhörern mit einem grundsätzlich anderen kulturellen Hintergrund spreche. Trotzdem scheinen alle intuitiv die Filmsequenz zu verstehen, mit der ich beginne.
    Die Sequenz stammt aus einem der Lieblingsfilme meiner Kindheit: Dr. No mit Sean Connery als James Bond. Bond liegt im Bett, ein weißes Laken bedeckt seinen schlafenden Körper. Plötzlich kriecht eine handtellergroße Tarantel unter dem Laken hervor und bewegt sich in Richtung seines Kopfes. Jeder Schritt der Spinne scheint dort, wo die scharfen Krallen Halt finden, kleine Dellen in Bonds Haut zu hinterlassen. Von dieser kribbelnden Empfindung wach geworden, verkrampft sich Bond. In seinen Ohren dröhnt das rhythmische Pochen seines Herzens. Kleine Schweißtropfen treten auf sein Gesicht, während seine Augen das Bett nach einem Gegenstand absuchen, mit dem er die Spinne abstreifen kann.
    Inzwischen habe ich die Sequenz mindestens hundertmal gesehen und schaue längst nicht mehr hin. Stattdessen beobachte ich die Zuschauer. Ich suche mir ein paar Leute heraus, die ich gut im Blick habe. Wenn ich ihre Gesichter und Körper betrachte, brauche ich nicht zu fragen, was in ihrem Inneren vorgeht. Ich kann es sehen. Ich kann ihr Unbehagen fühlen. Tatsächlich ist es eine Mischung aus Unbehagen und Lust, denn obwohl sie die Spinne sehen und Sean Connerys Spannung spüren, wissen sie alle, dass ihnen nichts passieren kann. Trotzdem bewirkt der Anblick der Szene, dass ihre

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