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Ungezogen

Ungezogen

Titel: Ungezogen
Autoren: Lindsay Gordon
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Chefsache
    Justine Elyot
    Warum nur starre ich auf die Uhr, während doch die Zeit auf dem Bildschirm vor mir sekundengenau heruntertickt? Sind meine Augen derart an den monotonen Rhythmus des Minutenzeigers gewöhnt? Ein Überbleibsel aus meiner Schulzeit? Nur eine Gewohnheit, und in Wirklichkeit verlasse ich mich doch auf die Bildschirmanzeige?
    Doch wen interessiert das eigentlich? Normalerweise ist er um die Zeit im Büro. Ich werde langsam nervös, weil er sich fast zehn Minuten verspätet hat. Ich klicke weiter auf dem Bildschirm herum, aktualisiere die Anzeige völlig unnötig und gebe den Anschein, sehr beschäftigt zu sein. In Wirklichkeit suche ich irgendeinen windigen Vorwand, ihn anzurufen oder ihm eine E-Mail zu schicken - nur um sicher zu sein, dass er im Haus ist.
    Aber dann bildet er sich vielleicht ein, dass ich etwas von ihm will, und ich möchte nicht, dass er das von mir denkt. Ich möchte nicht, dass er merkt, wie wichtig mir diese tägliche Dosis heimlicher Augenkontakte und zufälliger Berührungen ist, weil sie dann womöglich aufhörten und ich über ein »normales« Leben mit einem »normalen« Freund nachdenken müsste.
    Normal? Bei der Vorstellung muss ich prusten und kichern. Ich kippe einen halben Becher mit Büroklammern auf meinen Schreibtisch. Zeit für ein wenig Kunst mit Büromaterial. Aus den Büroklammern forme ich zwei grobe Metallfiguren und lege sie auf die furnierte Schreibtischplatte. Was soll es denn heute werden? Vielleicht das Hündchen-Modell? Figur eins beugt sich graziös und lässt die klackenden Metallarme herunterhängen, während sich das extra große Modell Nummer zwei dahinter aufbaut. Nette Vorstellung, dass seine Arme Figur Nummer eins ganz fest umfassen. Wie primitiv! Und erstaunlich anregend. Ich versuche, meine Beine übereinanderzuschlagen. Ein hartes Stück Arbeit bei den immer kürzer und enger werdenden Röcken, die ich in der letzten Zeit bevorzuge. Bevor sich linker und rechter Schenkel kreuzen können, treibt mich ein tiefes Grollen an meinem Ohr aus meinem Bürostuhl und schießt ihn auf seinen Rollen quer durch das Büro.
    Er ist es, der mir diesen Schreck eingejagt hat. Der Bastard ist durch den Notausgang auf der Rückseite des Büros hereingeschlichen.
    Er legt eine Hand leicht auf mein Kreuz und unterdrückt damit meinen Impuls, auf die Damentoilette zu flüchten.
    »Wenn das keine ungeheuerliche Verschwendung von Firmeneigentum ist, dann weiß ich nicht, wie ich es sonst nennen soll«, sagt er in diesem perfekten Mix aus Belustigung und Missbilligung. Auf diese einzigartige Wenn-du-mit-dem-Feuer-spielst-kannst-du-dich-auch-daran-verbrennen-Tour.
    Ich blinzle ihn unter gesenkten Wimpern hervor an und schmolle ein wenig. Soll ich mich entschuldigen oder flirten? Da ich mir nicht sicher bin, warte ich auf das nächste Signal von ihm. Die anderen vier Sesselpupser in meiner Reihe von Bildschirmsklaven bemühen sich krampfhaft, nicht zu offenkundig zu gaffen, aber ich kann mir schon ihr Gequatsche in der Kaffeepause vorstellen.
    Genau in diesem Augenblick meldet sich mein verdammter Bildschirmschoner. Normalerweise kann ich ihn schnell wegklicken, wenn sich jemand nähert. Aber dieses hinterhältige Anschleichen meines Chefs hat mich völlig verstört. Mr Morrell ist heißer als die Hölle kriecht über den Bildschirm und macht keine Anstalten, zu verschwinden und mich aus meiner Verlegenheit zu erlösen. Ich weiß, dass es kindisch ist, aber ich bin erst seit drei Wochen hier, und etwas Geistreicheres ist mir bislang nicht eingefallen.
    Ich schließe die Augen und warte auf P 45 - meinen Entlassungscode. Stattdessen wird mir aufgetragen, die Kaffeeküche unserer Abteilung aufzuräumen.
    Ich öffne meine Augen wieder und starre Mr-heißer-als-die-Hölle an. So ist das also. Er kann mir kaum in die Augen sehen, ohne lüstern zu sabbern. Ich möchte ihn mit einer Hand an der Krawatte greifen und ihn zu einem leidenschaftlichen Lambada über den beigefarbenen Boden unseres Büros ziehen. Das ist auch ein Grund, warum ich mir Strictly Come Dance ansehe. Dabei kann ich mir vorstellen, wie mich Mr Morrell an seinen Körper gepresst übers Parkett wirbelt. Unsere Augen ineinander versenkt, unsere Becken aneinandergepresst. Aber auch, weil ich den Gebrauch des Wortes Strictly im Titel mag. Wie pervers das klingt!
    »Ich vermute, dass du den Weg kennst?«, sagt er mit hochgezogenen Augenbrauen. Er bedeutet mir, dass ich mich in Bewegung setzen soll. Meine

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