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Ungezaehmte Leidenschaft

Ungezaehmte Leidenschaft

Titel: Ungezaehmte Leidenschaft
Autoren: Amanda Quick
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1
    Visionen von Blut und Tod flammten bedrohlich vor ihrem inneren Auge auf. Die grausigen, von Gaslicht erhellten Szenen wurden in eine dunkle Unendlichkeit reflektiert.
    Virginia lag einen Moment lang reglos und mit heftigem Herzklopfen da, bemüht, in dem Albtraum, der sie geweckt hatte, einen Sinn zu erkennen. Myriaden von Spiegelbildern einer auf einem zerwühlten, blutbefleckten Bett liegenden Frau mit wirrem, gelocktem Haar umgaben sie. In ihrem feinen Batisthemd und den weißen Strümpfen sah sie aus, als läge eine leidenschaftliche Begegnung hinter ihr, doch ihre Augen waren vor Entsetzen geweitet und ließen nichts von verebbendem Verlangen erkennen.
    Erst nach einigen Sekunden erkannte Virginia, dass die Frau sie selbst war. Sie war nicht allein im Bett. Neben ihr lag ein Mann. Sein offenes Hemd war blutdurchtränkt. Sein Kopf war abgewendet, doch sie sah genug von seinem hübschen Gesicht, um ihn zu erkennen. Lord Hollister.
    Langsam setzte sie sich auf, ließ unwillkürlich einen Gegenstand los, den sie in den Händen gehalten haben musste, aber nicht sah. Ein Teil ihres Selbst beharrte darauf, dass sie einen schrecklichen Traum durchlebte, ihre anderen Sinne aber sagten ihr, dass sie wach war. Es kostete sie größte Überwindung, den Hals des Toten zu berühren. Ein Puls war nicht zu spüren. Sie hatte es auch nicht erwartet. Die Kälte des Todes hüllte Hollister ein.
    Eine neue Woge der Panik erfasste Virginia. Verzweifelt raffte sie sich auf und erhob sich. Als sie an sich hinunterblickte, sah sie, dass ein Teil ihres Nachthemdes blutrot war. Sie schaute auf und sah nun erst das zwischen den zerwühlten Decken liegende Messer – dort, wo einen Moment zuvor noch ihre Hand gelegen hatte. Die Klinge war blutig.
    Am Rand ihres Blickfeldes, tief in den Spiegeln, verschoben sich bedrohliche Schatten. Eilig schirmte Virginia ihre psychischen Sinne vor einer Deutung ab. Ihre Intuition war aufgeflammt. Sie musste den verspiegelten Raum schleunigst verlassen.
    Sie drehte sich um und suchte das neue bronzefarbene Kleid, das sie für den Abend im Haus der Hollisters gewählt hatte. Es lag achtlos zusammengeknüllt mit ihren Unterröcken in einer Ecke, wie in glühender Leidenschaft ausgezogen und weggeworfen. Die Spitzen ihrer Laufschuhe lugten unter den Falten ihres Mantels hervor. Aus einem unverständlichen Grund war der Gedanke, dass Hollister sie halb ausgezogen hatte, ehe er sich ein Messer in die Brust stieß, verstörender als das Erwachen neben dem Toten.
    Lieber Himmel, wie kann man einen Menschen töten, ohne sich an die Tat zu erinnern?
    Wieder brodelte dunkle Energie in den Spiegeln auf. Angst und das Verlangen zu fliehen erschwerten es ihr, ihre Sinne zu besänftigen. Doch es gelang ihr, die Schatten dazu zu bewegen, sich tiefer in die Spiegel zurückzuziehen. Sie wusste, dass sie sie nicht völlig verbannen konnte. Draußen musste noch Nacht sein. Die Energie, die in Spiegeln konzentriert war, wirkte nach Einbruch der Dunkelheit am stärksten. In den Spiegeln, die sie umgaben, lauerten Szenen, denen sie sich stellen musste, doch konnte sie diese Bilder jetzt nicht deuten. Sie musste hinaus.
    Ein rascher Blick zeigte Virginia, dass es keine sichtbare Tür gab. Die Wände des kleinen Raumes schienen völlig verspiegelt zu sein. Das ist unmöglich, dachte sie. Die Luft im Raum war frisch. Die Gasleuchte brannte stetig. Es musste eine verborgene Luftzufuhr geben und irgendwo auch eine Tür. Und wo es eine Tür gab, gab es vielleicht einen Luftzug über der Schwelle.
    Sie zwang sich, sich auf eine Sache zu konzentrieren, und beschloss, sich erst einmal anzukleiden. Es kostete sie große Mühe, die Unterröcke festzubinden, das Kleid hochzuziehen und das Miederteil zuzuhaken, weil ihre Hände so sehr zitterten.
    Plötzlich war das Ächzen verborgener Türangeln zu hören. Wieder wurde Virginia von einer Panikwelle überflutet. In der Spiegelwand vor ihr sah sie, wie sich hinter ihr ein Glaspaneel öffnete. Ein Mann trat ein, von einer unsichtbaren Woge dunkler Kraft getragen. Sie erkannte ihn sofort, obwohl sie ihm nur ein einziges Mal begegnet war, und erstarrte. Eine Frau vergaß keinen Mann, in dessen dunklen Augen die Verheißung von Himmel oder Hölle lag. Virginia konnte sich nicht rühren.
    »Mr. Sweetwater«, flüsterte sie.
    Er musterte sie mit einem raschen Blick von Kopf bis Fuß. Das Licht der Lampe warf dunkle Schatten auf sein Gesicht und ließ es hart und verschlossen wirken. Er kniff

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