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Unerwünscht: Drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre deutsche Geschichte

Unerwünscht: Drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre deutsche Geschichte

Titel: Unerwünscht: Drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre deutsche Geschichte
Autoren: Mojtaba Milad; Sadinam Masoud; Sadinam Sadinam
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Prolog
    Es ist ein wundervoller Wintermorgen. Hinter dem Küchenfenster erblickt man Bäume, an deren Äste sich einige Zentimeter dick junger Schnee schmiegt. Der Himmel ist klar und die sanften Sonnenstrahlen lassen den Schnee glitzern.
    Auf dem Küchentisch, an dem wir drei sitzen, sind mehrere Zeitungen verstreut. »Die Brüder Sadinam sind perfekt integriert! Sie sind ein Vorbild für andere!«, lesen wir in dem Blatt, das ganz oben liegt. Wir schlagen es zu und durchforsten den Rest. Eine andere Schlagzeile springt ins Auge. »Sie haben es geschafft!«, verkündet sie und darunter folgt in kleinerer Schrift die Geschichte »Von Flüchtlingen zu Elite-Studenten«, deren Kurzversion dann in etwa so lautet:
    Vor ungefähr sechzehn Jahren, noch als Kinder, mussten die drei Brüder mit ihrer regimekritischen Mutter in Teheran untertauchen. Nach Monaten des Versteckens vor den Revolutionswächtern gelang ihnen schließlich die Flucht aus dem Iran. Mit nichts als einem Koffer erreichten sie Deutschland. Ohne Geld, ohne Papiere und ohne ein Wort Deutsch zu sprechen begann ihr Leben in Asylbewerberheimen. Bald waren sie sogar ausreisepflichtig und sollten abgeschoben werden.
    Trotz aller Widerstände gaben sie nicht auf. Die Brüder schafften den Sprung von der Hauptschule aufs Gymnasium, gehörten am Ende zu den Besten ihres Abiturjahrgangs und bekamen schließlich Stipendien und Studienplätze an drei privaten Elite-Unis.
    Draußen zieht eine Brise an den Bäumen vorbei und wirbelt mehrere Schneeflocken hoch in den blauen Himmel. Sie tanzen im Wind, beschreiben Spiralen und fliegen währenddessen immer weiter auseinander, um kurz darauf gänzlich zu verschwinden. Es kehrt wieder stille Regungslosigkeit ein. Nur noch der Schnee treibt mit den Sonnenstrahlen sein funkelndes Spiel.
    Unter lautem Rascheln falten wir die Zeitungen zusammen und legen sie weg. Das, was sie erzählen, ist viel zu einfach. Es wirkt märchenhaft – ähnlich dem Naturgeschehen auf der anderen Seite des Fensters. Wer es wirklich will, der schafft es auch – das ist die Moral ihrer Geschichte.
    Doch wir drei sind keine Helden eines Märchens, die alle Hürden und Widrigkeiten allein mit ihrer unermüdlichen Willenskraft überwinden konnten. Hätten wir daran geglaubt, wären wir schon längst abgeschoben worden und nicht mehr in Deutschland. Wir müssen diesen Märchen etwas entgegensetzen. Wir müssen unsere Lebensgeschichte erzählen, wie sie sich wirklich zugetragen hat.
    Und weil wir seit unserer Kindheit alles zusammen erlebt haben, weil wir die schwierigsten Momente nur Hand in Hand überlebt haben, wollen wir unsere Geschichte auch wirklich gemeinsam erzählen. Abwechselnd ergreift jeder von uns dreien das Wort. Jeder berichtet aus seiner Perspektive, gefüllt mit eigenen Erfahrungen, Ängsten und Sehnsüchten. Wir hoffen, damit ein wahrhaftiges, facettenreiches Bild unseres Lebens zu entwerfen.
    Ein Leben, in dem nicht Integration, Erfolg und gesellschaftliches Ansehen die Leitmotive sind, sondern unsere Suche nach Selbstbestimmung und Glück.

1
Die Flucht
    MOJTABA Die Dämmerung war bereits angebrochen, als das Taxi über die ungeteerte Straße davonpolterte. Es zog eine gewaltige Staubwolke hinter sich her, aus der die kleinen rechteckigen Rückleuchten schimmerten wie rote Augen. Sie wurden immer kleiner, bis sie schließlich ganz verschwanden. Dann war es plötzlich still. So still, dass ich glaubte, das Atmen der anderen hören zu können.
    Masoud stand links neben mir. Er war so nah herangerückt, dass unsere Schultern sich berührten. Milad stand rechts von mir und hatte seinen Kopf an Madars Brustkorb gelehnt. Sie fuhr mit ihrer linken Hand streichelnd durch sein braunes Haar und flüsterte halb zu uns, halb zu sich selbst: »Ihr seid mein Leben. Niemand bringt uns auseinander!«
    Dann drückte sie auf den weißen Klingelknopf, der neben einem ausladenden zweiflügeligen Metalltor angebracht war.
    Ich konnte nicht sehen, was hinter dem Tor lag, denn es war umzäunt von einer hohen Ziegelmauer. Aber ich hörte auf der anderen Seite etwas klappern und Schritte, die sich uns näherten.
    Masouds Schulter presste noch fester gegen meine. Als ich merkte, dass mein Atem sich beschleunigt hatte, rückte ich ein Stück von ihm weg. Ich wollte ihn nicht zusätzlich beunruhigen.
    Das Klackern der Schuhe war nun ganz nah. Schlüssel klirrten. Unsere Mutter warf uns einen kurzen Blick zu, als wollte sie sichergehen, dass wir noch alle da

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