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Unearthly. Dunkle Flammen (German Edition)

Unearthly. Dunkle Flammen (German Edition)

Titel: Unearthly. Dunkle Flammen (German Edition)
Autoren: Cynthia Hand
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    Die Aufgabe
    Beim ersten Mal, am 6. November, um ganz genau zu sein, wache ich um zwei Uhr morgens auf, und in meinem Kopf ist ein Summen wie von winzigen Glühwürmchen, die hinter meinen Augenlidern tanzen. Es riecht nach Rauch. Ich stehe auf und gehe von Zimmer zu Zimmer, um mich davon zu überzeugen, dass es nirgendwo im Haus brennt. Es ist alles in Ordnung, alle schlafen, alles ist ruhig. Es ist ohnehin eher ein Geruch wie von einem Lagerfeuer, beißend und holzig. Ich schreibe es der üblichen Seltsamkeit zu, die mein Leben beherrscht. Obwohl ich es versuche, kann ich nicht wieder einschlafen. Also gehe ich nach unten. Ich trinke an der Spüle ein Glas Wasser, als ich mich plötzlich, ohne jede Vorwarnung, mitten in dem brennenden Wald befinde. Wie ein Traum ist es nicht. Es fühlt sich an, als sei ich tatsächlich dort. Ich bleibe nicht lange, allenfalls dreißig Sekunden, und dann bin ich wieder in der Küche und stehe in einer Wasserlache, denn das Glas ist mir aus der Hand gerutscht.
    Sofort laufe ich nach oben und wecke meine Mutter. Ich sitze am Fußende ihres Bettes und versuche, nicht zu hyperventilieren, als ich ihr noch das kleinste Detail der Vision schildere, an das ich mich erinnern kann. Viel ist es allerdings nicht, nur das Feuer, der Junge.
    «Zu viel auf einmal wäre erdrückend», sagt sie. «Deshalb wird es so zu dir kommen, schrittweise.»
    «War es auch so, als du deine Aufgabe erhalten hast?»
    «So ist es bei den meisten von uns», antwortet sie und weicht meiner Frage geschickt aus.
    Von ihrer Aufgabe will sie mir nicht erzählen. Das Thema ist tabu. Das ärgert mich, denn wir verstehen uns gut, haben uns immer gut verstanden, und trotzdem weigert sie sich, diesen wichtigen Bereich ihres Lebens mit mir zu teilen.
    «Erzähl mir von den Bäumen in deiner Vision», verlangt sie. «Wie sahen sie aus?»
    «Es waren Kiefern, glaube ich. Nadelbäume, keine Laubbäume.»
    Nachdenklich nickt sie, als sei das ein wichtiger Hinweis. Dabei sind mir die Bäume egal. Ich denke an den Jungen.
    «Ich wünschte, ich könnte sein Gesicht sehen.»
    «Das wirst du schon noch.»
    «Es könnte doch sein, dass ich ihn beschützen soll.»
    Mir gefällt der Gedanke, dass ich seine Retterin bin. Jedes Engelblut hat eine ganz bestimmte Aufgabe – manche sind Boten, manche zum Zeugen berufen, andere sollen Tröster sein, wieder andere tun einfach Dinge, die andere Dinge geschehen lassen –, aber Schutzengel klingt so schön. Da fühlt man sich gleich besonders engelhaft.
    «Ich kann einfach nicht glauben, dass du schon alt genug dafür bist, deine Aufgabe zu erhalten», sagt Mama seufzend. «Da komme ich mir auf einmal uralt vor.»
    «Du bist alt.»
    Dagegen kann sie nichts sagen, schließlich ist sie über hundert, auch wenn sie aussieht wie vierzig. Ich dagegen komme mir genau so vor, wie ich bin: eine unbedarfte (wenn auch nicht ganz gewöhnliche) Sechzehnjährige, die jeden Morgen in die Schule muss. Im Augenblick spüre ich rein gar nichts von dem Engelblut in mir. Ich schaue auf meine wunderschöne, vor Leben sprühende Mutter, und ich weiß, was auch immer ihre Aufgabe gewesen sein mag, sie ist diese sicher mit Mut, Humor und viel Talent angegangen.
    «Glaubst du …», sage ich nach einer Weile, und es fällt mir schwer, die Frage auszusprechen, denn ich will ja nicht, dass sie mich für einen Feigling hält. «Glaubst du, es ist möglich, dass ich bei einem Feuer umkomme?»
    «Clara!»
    «Nein, ganz im Ernst.»
    «Wieso sagst du so was?»
    «Weil ich so traurig war, als ich da hinter ihm stand. Aber ich weiß nicht, wieso.»
    Meine Mutter nimmt mich in die Arme und hält mich fest, ich kann ihren kräftigen regelmäßigen Herzschlag hören.
    «Vielleicht bin ich ja so traurig, weil ich sterben werde», flüstere ich.
    Der Druck ihrer Arme wird stärker.
    «Das geschieht nur selten», sagt sie leise.
    «Aber es geschieht.»
    «Wir werden es gemeinsam herausfinden.» Sie drückt mich noch fester an sich und streicht mir das Haar aus dem Gesicht, wie sie es früher immer getan hat, als ich klein war und Albträume hatte. «Du solltest jetzt schlafen.»
    So wach wie in diesem Moment bin ich in meinem ganzen Leben noch nicht gewesen, aber ich lege mich in ihr Bett und lasse zu, dass sie die Bettdecke über uns zieht. Sie legt einen Arm um mich. Sie ist warm, verströmt Hitze, als hätte sie in der Sonne gestanden – auch jetzt noch, mitten in der Nacht. Ich atme ihren Duft ein:

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