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Und ewig seid ihr mein

Und ewig seid ihr mein

Titel: Und ewig seid ihr mein
Autoren: Roman Rausch
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PROLOG
    IM SCHLAFSAAL EINES
    WAISENHAUSES VOR
    DREISSIG JAHREN.
     
    E r hielt die Augen geschlossen, bis das Licht erlosch und die Schritte auf dem Gang verklungen waren.
    Durch die Gaubenfenster schien der Mond herein, sodass er nicht fürchten musste, an das eine oder andere Bettgestell zu stoßen. Er wartete noch eine halbe Stunde, erst dann war er sicher, dass alle fest schliefen.
    In dieser Nacht würde er es beenden.
    Er glitt aus dem Bett, setzte den nackten Fuß behutsam auf die Dielen – ein dünnes Knarzen. Er schreckte zurück, schaute sich um, ob jemand aufgewacht war. Dann versuchte er es erneut, dieses Mal vorsichtiger.
    In seinem Geheimfach, unten im Gelenk des Gestells, hatte er alles Nötige deponiert – zwei Gürtel, die er dem Doktor aus dem Schrank gestohlen hatte, eine kleine Karaffe Waschbenzin aus der Wäscherei und die Streichhölzer aus dem Gemeinschaftsraum, wo der ewig müde Helfer Heinz Aufsicht hielt.
    Mit Bedacht setzte er einen Fuß vor den anderen. Es lagen zwanzig Betten auf jeder Seite zwischen ihm und seinem Ziel. Seine Verlegung ans andere Ende des Schlafsaales hatte nichts an seinem Vorhaben geändert.
    Endlich vor dem letzten Bett zu seiner Rechten angekommen, machte er Halt, horchte in die Stille hinein, ob der Junge vor ihm und auch die anderen schliefen.
    Alles war ruhig. Der Junge hatte sich in seine Decke eingewickeltund schlief fest. Er hatte das Kopfkissen mit den Armen umschlungen. Der nächste Kontrollgang war erst in einer halben Stunde zu erwarten, er hatte also ausreichend Zeit.
    Nun endlich war es so weit. Dieses Mal würde es klappen. Er legte die Gürtel um den Schlafenden, einen auf die Brust, einen auf die Knie, und führte beide Enden unter dem Bett zusammen. Er brauchte ihn nicht allzu fest zu zurren, nur so viel, dass sein Opfer für ein paar Augenblicke am Bett gefesselt war. Der Rest ergab sich von selbst.
    Der Stöpsel von der Karaffe war schnell und geräuschlos entfernt. Ein dünner Strahl fuhr Slalom über die Zudecke und das Kopfkissen. Allerdings erwischte er auch das Gesicht des Jungen. Der öffnete die Augen und schaute dem anderen, der vor seinem Bett stand, ins Gesicht. Ein Moment der Unsicherheit. Keiner von beiden wusste, wie er sich verhalten sollte.
    Erst als der Angreifer zu lächeln begann, lächelte auch der Ahnungslose. Er beugte sich auf, wollte ihn in die Arme schließen. Das
Ratsch
des Zündkopfs und das Aufflackern einer Flamme machten die Hoffnung zunichte. Jetzt erkannte er, wie sehr er sich in der Situation getäuscht hatte.
    Er sprang auf, wurde aber vom Gürtel aufs Bett zurückgeworfen.
    «Du büßt für das, was du getan hast», sagte der Angreifer und ließ das brennende Streichholz auf die Decke fallen.
    Die Flamme zündete sofort. Neonblau schlängelte sie sich schnell zum Kopfkissen hoch.
    Der Junge im Bett wehrte sich verzweifelt gegen die Fesseln und schrie um Hilfe. Die anderen im Raum wachten auf, sahen das Feuer. Aufgeregt rannten sie zum Gang hinaus. Nur einer nahm geistesgegenwärtig in dem Durcheinander eine Decke und warf sie über das Bett. Das Gros der Flammen erstickte, ein paar wenige züngelten an der Seite.
    Der Angreifer schlug auf den jungen Helfer ein, zog ihn vom Bett weg. Zu spät. Auch er wurde von einem kräftigen Arm gepackt und zur Seite geschleudert.
    Wasser aus einem Eimer ergoss sich über das Bett.
    Alle schauten, ob aus der dampfenden Decke noch eine Reaktion zu erwarten war.
     
    EIN PAAR TAGE SPÄTER.
     
    Der Mann und die Frau, die mit dem Jungen sprachen, sahen aus, als würden sie eine Entscheidung herbeiführen. Seine Hände waren verbunden, und am Hals trug er ein braun gefärbtes Pflaster gegen die Brandwunde. Die Haare waren an der einen Seite bis auf die Kopfhaut abgesengt. Ansonsten hatte er das Feuer mit viel Glück und keinen weiteren, ernsthaften Verletzungen überlebt.
    Der, der den Anschlag ausgeführt hatte, saß in der anderen Ecke des Raumes. Dazwischen, hinter dem Schreibtisch, der Heimleiter, der über die delikate Angelegenheit grübelte.
    Doch das interessierte den Jungen, der sich ruhig auf den Stuhl neben dem Bett gesetzt hatte, nicht. Er hatte nur Augen für sein Opfer. Für die Angst, für den verzweifelten Kampf. Die Sache war noch nicht ausgestanden, so lange nicht, bis beendet war, was er sich vorgenommen hatte.
    Doch das war ihm nicht gelungen, es war zu spät.
    Als der Verletzte an der Hand der Frau den Raum verließ, blickte er nochmals herüber. Entsetzen und

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