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und die verschwundene Seglerin

und die verschwundene Seglerin

Titel: und die verschwundene Seglerin
Autoren: Brigitte Johanna Henkel-Waidhofer
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taxierte Jefferson Justus von oben bis unten. »Ein Zertifikat, junger Mann, ist eine Bescheinigung über die Herkunft eines Kunstgegenstands.«
    Â»Danke schön«, sagte Justus und verbeugte sich knapp. Er fühlte sich eins mit Onkel Titus, denn nun war auch er von Mr Jefferson beleidigt worden. Unwillig schüttelte er den Kopf.
    Mr Jefferson ließ die Tischkante los, ging auf ihn zu und setzte seinen Vortrag lautstark fort. »Das Zertifikat für den wunderschönen Spiegel, welchen ich für diese Summe erworben habe, besagt, es handle sich um ein Stück aus Venedig. Sechzehntes Jahrhundert, junger Mann! Sechzehntes Jahrhundert! Ein einzigartiges Stück! Eben ein Einzelstück!«
    Mr Jefferson stemmte die Hände in die Hüften und in diesem Augenblick fiel Justus ein, woran er die ganze Zeit unbewusst gedacht hatte: Natürlich, die Szene ähnelte der, die sich gerade zwischen ihm und seinen Freunden im Campingwagen abgespielt hatte.
    Â»Seien Sie froh, dass mein Onkel Ihnen zu einem so wertvollen Stück verhelfen konnte.« Er glaubte, Mr Jeffersons gekünstelte Sprechweise ganz gut getroffen zu haben.
    Sein Gegenüber runzelte die Stirn. Die Augen blitzten. »Ich bin keineswegs froh«, versetzte Mr Jefferson und jetzt senkte er seine Stimme, als hätte er ein großes Unglück mitzuteilen. »Denn vorgestern bin ich diesem prachtvollen Einzelstück noch einmal begegnet, in einer Galerie in Santa Monica!« Mr Jefferson hielt kurz inne, um die Wirkung seiner Worte zu beobachten. Dann wurde er mit jedem Wort lauter. »Und diesmal war das gute Stück nicht aus dem sechzehnten Jahrhundert, sondern aus dem neunzehnten. Und es stammte auch nicht aus Venedig, sondern aus Dallas, Texas!« Zum Schluss schrie er fast. Seine Hände zerrten an den schulterlangen Haaren, als wollte er sie sich ausreißen.
    Justus unterdrückte ein Grinsen. »Dann war es also kein Unikat«, stellte er fest und sah Mr Jefferson herausfordernd an. Er sollte ruhig wissen, dass er einen Experten vor sich hatte, dem die Kunstbegriffe so geläufig waren wie die Namen sämtlicher Baseball-Profis an der Pazifikküste.
    Mr Jefferson zog seinen tadellos sitzenden Krawattenknoten noch gerader. »In der Tat!«, sagte er betont langsam. »Ich hätte auf meine Mutter hören sollen. Dann wäre ich nicht das Opfer eines schändlichen Betrügers geworden.«
    Â»Jetzt reicht’s aber!« Hinter ihnen ertönte ein grässliches Krachen. Der erschrockene Justus sah, wie die Faust seines Onkels ein zweites Mal auf die Tischplatte donnerte.
    Â»Halt!«, schrie er und machte unwillkürlich einen Schritt auf seinen Onkel zu, als könnte er das Unglück noch aufhalten. Aber es war zu spät. Sekundenbruchteile nach dem Krachen ertönte ein Knirschen und Onkel Titus, eben noch rot vor Zorn, erblasste. Justus fing seinen ängstlichen Blick auf. Er schüttelte missbilligend den Kopf, ging zum Tisch und schlug die weiße Damastdecke zurück. Durch das Dunkelbraun des schweren Holzes zog sich deutlich sichtbar ein millimeterbreiter Riss, über eine Länge von mehr als dreißig Zentimetern.
    Â»Das wird Tante Mathilda aber gar nicht freuen«, stellte Justus fest. Insgeheim bewunderte er die Kraft, mit der Onkel Titus zugeschlagen hatte. Ich würde mir eher Arm und Handgelenk brechen oder die Schulter auskugeln, dachte er, bevor diese massive Tischplatte auch nur den kleinsten Kratzer bekäme. Onkel Titus ließ schuldbewusst die Schultern sinken. Aber dann richtete er sich wieder auf und wies jetzt seinerseits mit dem Finger auf Mr Jefferson. »Er war es«, ächzte er. »Wenn er mich nicht so aufgeregt hätte mit seinen idiotischen Vorwürfen, dann …«
    Â»Nun machen Sie aber mal halblang!«, fauchte der Angesprochene. »Wenn Sie Ihre Wohnung demolieren und Ihre Möbel zu Kleinholz zerlegen, ist das doch Ihre Sache und nicht meine!«
    Â»Sie haben mich beschuldigt, ein Betrüger zu sein!«
    Â»Dabei bleibe ich!«
    Die beiden Männer hatten sich während ihres Wortwechsels wieder genähert. Justus fürchtete, sie könnten im nächsten Augenblick handgreiflich werden. Er warf sich dazwischen und drängte seinen Onkel mit dem Rücken zurück. Dabei sah er Mr Jefferson böse an. »Was fällt Ihnen ein? Sie kommen hierher, beschuldigen meinen Onkel des Betrugs und lassen ihn nicht

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