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Und dennoch ist es Liebe

Und dennoch ist es Liebe

Titel: Und dennoch ist es Liebe
Autoren: Jodi Picoult
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könne ich durch ihn hindurch den Himmel sehen. »Also wirklich, Lionel«, sagte er, »es gibt da ein Gesetz, das besagt, dass du Kinder erst einstellen darfst, wenn sie nicht mehr in die Windeln machen.« Und er lächelte mich an zum Zeichen, dass ich das nicht persönlich nehmen dürfe. Dann ging er.
    Wahrscheinlich war es Anstrengung, die mich meine erste halbe Stunde als Kellnerin gekostet hatte, oder es lag am Schlafmangel, ich denke, einen wirklichen Grund gab es eigentlich nicht, aber ich spürte, wie mir die Tränen in den Augen brannten, und da ich fest entschlossen war, nicht vor Doris und Marvela zu weinen, ging ich zu Nicholas’ Tisch, um abzuräumen. Er hatte zehn Cent Trinkgeld zurückgelassen. Zehn lausige Cent. Das war nicht gerade ein vielversprechender Anfang. Ich ließ mich auf die Bank fallen und rieb mir die Schläfen. Ich würde nicht anfangen zu weinen, sagte ich mir immer und immer wieder. Und dann hob ich den Blick und sah, dass Lionel meine Zeichnung über die Kasse gehängt hatte. Ich stand auf, was mich all meine Kraft kostete, und steckte mein Trinkgeld in die Tasche. Dabei hörte ich im Geiste meinen Vater in seinem irischen Akzent sagen: Das Leben steckt voller Überraschungen.
*
    Eine Woche nach dem schlimmsten Tag in meinem Leben habe ich mein Zuhause verlassen. Wahrscheinlich habe ich schon die ganze Zeit über gewusst, dass ich gehen würde, ich habe nur das Ende des Schuljahres abgewartet. Ich weiß nicht, warum mich das überhaupt interessiert hat, ich kam ohnehin nicht sonderlich gut in der Schule zurecht. Die letzten drei Monate war ich zu krank, um mich zu konzentrieren, und schließlich wirkten sich meine Fehlzeiten auf die Noten aus. Vermutlich wollte ich einfach wissen, ob ich den Abschluss schaffen konnte, wenn ich wollte, und ich habe ihn geschafft, auch wenn ich zweimal ein D bekommen habe, eines in Physik und eines in Religion. Ich stand mit dem Rest meiner Klasse in der Pope Pius Highschool auf, als Vater Draher uns dazu aufforderte, legte meine Quaste von links nach rechts, küsste Schwester Mary Margareta und Schwester Althea und sagte ihnen, ja, ich plane, auf die Kunsthochschule zu gehen.
    Die Chancen dafür standen auch gar nicht so schlecht, denn ich war bereits an der Rhode Island School of Design angenommen worden – allerdings aufgrund von Noten aus der Zeit, bevor mein Leben auseinandergebrochen war. Ich war sicher, dass mein Vater bereits einen Teil der Studiengebühren für das erste Semester bezahlt hatte. Und selbst als ich ihm den Brief schrieb, in dem ich ihm mitteilte, dass ich fortgegangen war, fragte ich mich noch, ob er das Geld wohl wieder zurückbekommen würde.
    Mein Vater ist Erfinder. Im Laufe der Jahre hat er viele Dinge erfunden, doch zu seinem Unglück kam er damit zumeist einen Schritt zu spät. Zum Beispiel als er eine Krawattenklammer mit ausziehbarer Plastikfolie erfand, mit der man den edlen Stoff bei Geschäftsessen schützen konnte. Er nannte das Ding ›Tidy Tie‹, und er war sicher, damit den Grundstein zu seinem Erfolg legen zu können. Doch dann erfuhr er, dass irgendjemand schon ein ähnliches Patent angemeldet hatte. Genauso erging es ihm mit dem dampfresistenten Badezimmerspiegel, dem schwimmenden Schlüsselbund und dem Schnuller, den man aufschrauben konnte, um flüssige Medizin einzufüllen. Wenn ich an meinen Vater denke, dann denke ich an Alice und das Weiße Kaninchen und daran, immer einen Schritt zu spät zu kommen.
    Mein Vater ist in Irland geboren, und er hat den größten Teil seines Lebens versucht, gegen die Vorurteile anzukämpfen, die mit dieser Herkunft verbunden sind. Er schämte sich nicht, Ire zu sein – genau genommen war es sogar das Ruhmreichste in seinem Leben –; er schämte sich nur, ein irischer Einwanderer zu sein. Mit achtzehn Jahren zog er von Bridgeport, dem Iren-Viertel Chicagos, in ein Viertel an der Taylor Street, wo vorwiegend Italiener lebten. Er hat nie getrunken, und eine Zeit lang hat er erfolglos versucht, sich den Akzent des Mittleren Westens anzueignen. Die Religion aber war seiner Meinung nach nichts, was man sich aussuchen konnte. Er glaubte mit dem Eifer eines Fernsehpredigers, als wäre Spiritualität etwas, das durch die Adern fließt und nicht der Kontrolle durch den Verstand unterliegt. Ich habe mich häufig gefragt, ob er wohl Priester geworden wäre, wenn er meine Mutter nicht kennengelernt hätte.
    Mein Vater hat immer geglaubt, Amerika sei nur ein Zwischenstopp auf seinem

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