Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Und dennoch ist es Liebe

Und dennoch ist es Liebe

Titel: Und dennoch ist es Liebe
Autoren: Jodi Picoult
Ads
und ich habe mich immer gefragt, ob sie ihn mitgenommen hat, weil sie gewusst hat, dass sie mich selbst nicht hat mitnehmen können.
    In letzter Zeit habe ich viel an meine Mutter gedacht, weit mehr als in den letzten Jahren – zum einen wegen dem, was ich getan hatte, bevor ich von zu Hause weggegangen war, und zum anderen weil ich überhaupt weggegangen war. Ich fragte mich, was wohl mein Vater dachte. Ich fragte mich, ob der Gott, an den er so sehr glaubte, ihm wohl erklären konnte, warum die Frauen in seinem Leben ihn immer verließen.
    Als der farbige Mann um zehn nach sechs schließlich in der Tür erschien – er füllte sie wirklich vollständig aus –, da wusste ich bereits, wie es ausgehen würde. Mit offenem Mund und besorgt starrte er mich an. In der einen Hand hielt er mein Porträt, und die andere streckte er aus, um mir vom Bürgersteig aufzuhelfen, auf den ich mich gesetzt hatte. »In zwanzig Minuten kommen die ersten Gäste zum Frühstück«, sagte er zu mir. »Aber erwarte dir nicht zu viel.«
    Lionel – so hieß der Mann – führte mich in die Küche und bot mir einen Stapel Toast an, während er mir die Spülmaschine vorstellte, den Grill und seinen Bruder Leroy, den Chefkoch. Er fragte mich nicht, woher ich kam, und er diskutierte auch nicht über den Lohn, ganz so, als hätten wir das bereits abgemacht. Dann erzählte er mir plötzlich und einfach so, dass ›Mercy‹ der Name seiner Urgroßmutter sei, die vor dem Bürgerkrieg in Georgia als Sklavin gerackert hatte. Und sie war die Frau, die ich ihm auf die Stirn gezeichnet hatte. »Du musst Gedanken lesen können«, sagte er, »denn normalerweise erzähle ich niemandem von ihr.« Er sagte, die meisten dieser Harvardtypen glaubten, der Name ›Mercy‹ habe einen philosophischen Hintergrund, aber wie auch immer … In jedem Fall zog sie das immer wieder her. Dann ging er weg, und ich dachte darüber nach, warum so viele Weiße ihre Töchter mit Namen wie Hope, Faith oder Patience bedachten – Namen, denen sie nie würden gerecht werden können –, während schwarze Mütter ihre Babys Mercy, Deliverance und Salvation nannten – nach Bürden, die sie immer würden tragen müssen.
    Als Lionel wieder zurückkam, gab er mir eine saubere und gebügelte pinkfarbene Uniform. Dann warf er einen prüfenden Blick auf mein Navy-Sweatshirt, meine Kniestrümpfe und meinen alten Faltenrock. »Ich werde mich nicht mit dir darüber streiten, ob du nun achtzehn bist oder nicht«, sagte er, »aber du siehst verdammt noch mal wie ein Schulmädchen aus.« Er drehte sich um, während ich mich hinter dem stählernen Kühlschrank umzog, und zeigte mir dann, wie die Registrierkasse funktionierte und ich üben sollte, Teller auf den Armen zu balancieren. »Ich weiß wirklich nicht, warum ich das tue«, murmelte er vor sich hin, als mein erster Gast hereinkam.
    Wenn ich jetzt so daran zurückdenke, wird mir klar, dass niemand anders als Nicholas mein erster Gast hatte sein können. So funktioniert das Schicksal nun einmal. Wie auch immer … In jedem Fall war er an jenem Morgen die erste Person, die in den Imbiss kam. Er kam sogar noch vor den beiden festangestellten Kellnerinnen. Er zwängte sich in die Nische – so groß war er –, die von der Tür am weitesten entfernt war, und schlug sein Exemplar des Globe auf. Das machte ein nettes Geräusch wie Blätterrascheln, und die Zeitung roch nach frischer Tinte. Er sprach kein Wort mit mir, nicht, als ich ihm den kostenlosen Kaffee servierte, und auch nicht, als ich ein wenig davon auf die Zeitung verschüttete. Nur einmal sagte er etwas zu mir, als ich seine Bestellung aufnehmen wollte: »Lionel weiß Bescheid.« Dabei schaute er mich nicht an. Wenn er noch mehr Kaffee haben wollte, dann hob er einfach seine Tasse, bis ich kam, um sie zu füllen. Und er drehte sich auch nicht zur Tür um, als die Türklingel die Ankunft von Marvela und Doris, den beiden anderen Kellnerinnen, verkündete oder als während seines Aufenthalts sieben weitere Leute zum Frühstück kamen.
    Als er fertig war, legte er Messer und Gabel ordentlich auf den Tellerrand, wie jemand mit Manieren. Anschließend faltete er seine Zeitung und ließ sie in der Nische zurück, damit andere sie noch lesen konnten. Und in diesem Augenblick schaute er mich zum ersten Mal an. Nicholas hatte die hellsten blauen Augen, die ich je gesehen hatte, und vielleicht lag es ja nur an ihrem starken Kontrast zu den dunklen Haaren, aber ich hatte das Gefühl, als

Weitere Kostenlose Bücher

0322 - Ein Hai zeigt die Zähne
0322 - Ein Hai zeigt die Zähne von Ein Hai zeigt die Zähne
Breathless
Breathless von Dean Koontz
Der rote Prophet
Der rote Prophet von Orson Scott Card
Mathieu et l'affaire Aurore
Mathieu et l'affaire Aurore von Jean-Pierre Charland
DS047 - Der Dschungelgott
DS047 - Der Dschungelgott von Kenneth Robeson