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Und dennoch ist es Liebe

Und dennoch ist es Liebe

Titel: Und dennoch ist es Liebe
Autoren: Jodi Picoult
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dich um diese Zeit nicht für die Schule vorbereiten?«, fragte er.
    »Ich bin achtzehn.« Ich hob das Kinn auf die Art, wie ich sie in alten Schwarzweißfilmen bei Katherine Hepburn gesehen hatte. »Ich habe mich gefragt, ob Sie vielleicht eine Stelle zu besetzen hätten.«
    »Eine Stelle«, wiederholte der Mann, als hätte er das Wort noch nie gehört. »Eine Stelle.« Er kniff die Augen zusammen, und mir fiel zum ersten Mal die Narbe auf, die ihm gewunden und gezackt wie Stacheldraht über das ganze Gesicht bis in den Nacken reichte. »Du meinst, du willst einen Job.«
    »Nun … ja«, bestätigte ich und sah dem Mann sofort an, dass er keine Kellnerin brauchte, vor allem keine unerfahrene. Wahrscheinlich benötigte er im Moment wohl noch nicht einmal eine Spülhilfe.
    Der Mann schüttelte den Kopf. »Dafür ist es definitiv noch zu früh.« Er drehte sich um, schaute mich an und sah, das weiß ich sicher, wie dürr und heruntergekommen ich war. »Wir machen um 06.30 Uhr auf«, sagte er.
    Also hätte ich den Laden auch wieder verlassen können. Ich hätte einfach in die kühle U-Bahn-Station gehen können, in der ich die letzten Nächte geschlafen und den sanften Geigen der Straßenmusiker und den verrückten Schreien der Obdachlosen gelauscht hatte. Doch stattdessen nahm ich das mit Fettflecken übersäte Blatt Papier, auf dem die Sonderangebote des gestrigen Tages standen, aus der Speisekarte. Die Rückseite war leer. Ich holte einen schwarzen Stift aus meinem Rucksack und machte das Einzige, von dem ich selbstbewusst sagen konnte, dass ich es gut beherrschte: Ich zeichnete den Mann, der mich gerade abgewiesen hatte. Ich zeichnete ihn anhand dessen, was ich durch die Durchreiche zur Küche von ihm erkennen konnte. Ich sah, wie sein Bizeps sich wölbte und wieder streckte, als er große Mayonnaise-Krüge und Mehlsäcke vom Regal wuchtete, und ich zeichnete die Bewegung, die Eile, und als ich mich dann an sein Gesicht machte, zeichnete ich es entsprechend rasch.
    Dann hielt ich das Bild von mir weg, um es zu betrachten. Auf die breite Stirn des Mannes hatte ich die Umrisse einer starken, alten Frau gezeichnet, mit Schultern, die unter der Last der vielen Arbeit und der Selbstverleugnung herunterhingen. Sie hatte Haut von der Farbe schwarzen Kaffees, und auf ihrem Rücken waren die Erinnerungen an Peitschenhiebe zu sehen, die mit der gewundenen Narbe des Mannes verschmolzen. Ich kannte diese Frau nicht, und ich verstand nicht, wie sie auf das Papier gekommen war. Es war nicht meine beste Zeichnung – das wusste ich –, aber es war etwas, das man zurücklassen konnte. Ich legte das Papier auf den Tresen, ging vor die Tür und wartete.
    Schon bevor ich die Macht erhielt, die Geheimnisse der Menschen zu Papier zu bringen, habe ich daran geglaubt, gut zeichnen zu können. Ich habe es genauso gewusst, wie andere Kinder wussten, dass sie aus Stofffetzen und Glitter die schönsten Buchhüllen machen konnten. Ich habe immer schon gekritzelt. Mein Vater hat mir einmal erzählt, dass ich als Kleinkind mal ein Stück rote Kreide genommen und eine durchgehende Linie um das ganze Haus herum gezeichnet habe, immer in meiner Augenhöhe und über Türen und Fenster hinweg. Er sagte, ich hätte das einfach nur so, aus reiner Freude getan.
    Als ich fünf Jahre alt war, habe ich einen dieser Wettbewerbe in der Fernsehzeitung entdeckt, bei dem man eine Cartoonschildkröte zeichnen und das Bild einschicken muss, und dann bekommt man ein Stipendium für die Kunsthochschule. Ich habe nur ein wenig herumgekritzelt, doch meine Mutter hat mein Bild gesehen und gesagt, es sei nie zu früh, für eine ordentliche College-Ausbildung zu sorgen. Sie war es dann auch, die das Bild eingeschickt hat. Als der Brief kam, in dem man mir zu meinem Talent gratulierte und mir einen Platz an der National Art School in Vicksburg anbot, hat meine Mutter mich hochgehoben und zu mir gesagt, das sei unser Glückstag. Sie sagte, ich hätte mein Talent geerbt – ganz offensichtlich –, und mit großem Tamtam zeigte sie meinem Dad den Brief beim Abendessen. Mein Vater hat sanft gelächelt und gesagt, so einen Brief würden sie jedem schicken, von dem sie glaubten, er würde Geld für irgendeine betrügerische Schule ausgeben. Meine Mutter stand daraufhin auf und schloss sich im Badezimmer ein. Trotzdem klebte sie den Brief an den Kühlschrank, direkt neben ein Fingerbild und eine Nudelcollage von mir. Am Tag ihres Verschwindens war auch der Brief verschwunden,

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