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Und dennoch ist es Liebe

Und dennoch ist es Liebe

Titel: Und dennoch ist es Liebe
Autoren: Jodi Picoult
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wegzeichnen. Ich kann meinen eigenen Mann verführen. Ich kann … Hier halte ich inne und denke bei mir, dass das nicht die Liste ist, die ich machen sollte. Ich nehme mir einen grünen Eyeliner und schreibe dort weiter, wo ich aufgehört habe, doch diesmal liste ich wütend die Dinge auf, die ich nicht kann: Ich kann nicht vergessen. Ich kann nicht denselben Fehler zweimal machen. Ich kann so nicht leben. Ich kann nicht die Schuld für alles auf mich nehmen. Ich kann nicht aufgeben.
    Als ich sehe, wie meine Worte das sterile Badezimmer in Grün und Blau tauchen, fühle ich mich inspiriert. Ich schnappe mir die Flasche mit dem blassgrünen Limonenshampoo und schmiere damit die Fliesen ein, und ich male pinkfarbene Lippenstiftherzen und orangefarbene Bodylotionkringel auf den Wassertank der Toilette. Nicholas kommt herein, als ich gerade mit den blauen Zahnpastawellen und den springenden Aloe-Vera-Delfinen fertig bin. Ich zucke unwillkürlich zusammen und erwarte, dass er losbrüllt, doch er lächelt nur. »Ich nehme an, du brauchst das Shampoo nicht mehr«, sagt er.
    Nicholas nimmt sich nicht die Zeit zu frühstücken, was mir nur recht ist, auch wenn wir erst acht Uhr haben. Auch wenn wir Max nicht sofort werden sehen können, werde ich mich einfach besser fühlen, wenn ich in der Nähe meines Kindes bin. Wir steigen in den Wagen, und ich bemerke, dass Max’ Kindersitz beiseitegeschoben ist. Ich frage mich, wie das passiert ist. Ich warte darauf, dass Nicholas aus der Einfahrt fährt, doch er steht einfach nur da, den Fuß auf der Bremse und die Hand am Schalthebel. Er schaut auf das Lenkrad, als hätte er so etwas Faszinierendes noch nie gesehen. »Paige«, sagt er. »Es tut mir leid, was letzte Nacht passiert ist.«
    Ich schaudere unwillkürlich. Was habe ich auch erwartet?
    »Ich wollte … Ich wollte das nicht tun«, fährt Nicholas fort. »Es ist nur, du warst so schlecht dran, und ich dachte … Himmel, ich weiß nicht, was ich gedacht habe.« Er schaut mich entschlossen an. »Es wird nie wieder vorkommen«, sagt er.
    »Ja«, erwidere ich leise, »es wird nie wieder vorkommen.«
    Ich lasse meinen Blick über das schmale Stück Straße schweifen, von dem ich einmal geglaubt habe, hier den Rest meines Lebens zu verbringen. Ich nehme nicht wirklich Objekte wie Bäume, Autos oder Foxterrier wahr. Stattdessen sehe ich Farben wie auf einem impressionistischen Gemälde. Grün und Limone, Violett und Pfirsichfarben. Und an den Rändern der Welt, wie ich sie kenne, verschwimmen die Farben miteinander. »Ich habe mich geirrt, was dich betrifft«, sagt Nicholas. »Was auch immer geschieht, Max gehört zu dir.«
    Was auch immer geschieht. Ich drehe mich zu ihm um. »Und was ist mit dir?«, frage ich.
    Nicholas schaut mich an. »Ich weiß es nicht«, sagt er. »Ich weiß es wirklich nicht.«
    Ich nicke, als wäre das eine Antwort, die ich akzeptieren könnte, und schaue aus dem Fenster, während Nicholas rückwärts aus der Einfahrt fährt. Es verspricht, ein kalter Herbsttag zu werden, aber überall finden sich Erinnerungen an letzte Nacht: Eierschalen auf den Straßen, Rasierschaum an Häuserfenstern und Toilettenpapier in den Bäumen. Ich frage mich, wie lange es wohl dauern wird, das alles sauberzumachen.
    Im Krankenhaus fragt Nicholas nach Max, und man sagt ihm, Max sei in die Pädiatrie verlegt worden. »Das ist schon mal ein guter Anfang«, murmelt Nicholas, spricht aber nicht wirklich mit mir. Er geht zu einer gelben Aufzugtür, und ich folge ihm. Die Tür öffnet sich, und wir gehen hinein. Es riecht nach Desinfektionsmittel und frischen Laken.
    Ein Bild erscheint vor meinem geistigen Auge: Ich bin mit Max, der inzwischen ungefähr drei Jahre alt ist, auf diesem Friedhof in Cambridge. Er tobt zwischen den Grabsteinen herum. Heute ist mein freier Tag am College, ich mache endlich meinen Bachelor. Ich gehe aufs Simmons College, nicht nach Harvard, und das ist auch egal. Ich setze mich auf eine Bank, während Max fasziniert über die verwitterten Steine streicht. »Max«, rufe ich, und er kommt zu mir und hockt sich auf die Knie, sodass seine Hose voller Grasflecken ist. Ich deute auf den Zeichenblock, auf dem ich gezeichnet habe, und wir legen ihn auf die Grabplatte eines Soldaten aus dem Unabhängigkeitskrieg. »Such du aus«, sage ich zu Max. Ich biete ihm eine Reihe von Buntstiften an. Er entscheidet sich für Melone, Laubgrün und Violett. Ich nehme Gelb-Orange und Maulbeerblau. Mit den Stiften malt er das

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