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Ufer des Verlangens (German Edition)

Ufer des Verlangens (German Edition)

Titel: Ufer des Verlangens (German Edition)
Autoren: Nora Hamilton
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Prolog
    England, im Jahre 1485
    Zwei Männer saßen vor einem windigen Zelt und blickten auf das zerstörte Land. Sie waren müde, ihre Gesichter fahl, die Stiefel über und über mit Staub bedeckt.
    In einiger Entfernung brannte ein Dorf. Die Hilferufe der Menschen drangen bis zu ihnen, doch die beiden nahmen sie nicht mehr wahr. In den letzten Monaten hatten sie zu viele Hilferufe gehört, zu viele brennende Dörfer, zu viele hingeschlachtete Menschen gesehen. Noch im Traum gellten ihre Ohren von den Schreien; mit geschlossenen Augen sahen sie die brennenden Häuser, rochen das sinnlos vergossene Blut. Beim kleinsten Geräusch schreckten sie auf – oder sie schliefen vor Erschöpfung so tief, dass nichts sie aufwecken konnte.
    Dreißig Jahre dauerte dieser Krieg nun schon. Das Haus York mit der weißen Rose im Wappen kämpfte gegen das Haus Lancaster mit der roten Rose im Wappen um den englischen Thron.
    Aus allen Teilen des Landes wurden kriegstaugliche Männer eingezogen, selbst aus den weit entfernten schottischen Highlands.
    Auch Allistair Kingsley hatte sein Gut verlassen, um in diesem Krieg zu kämpfen und seine Lehnspflicht zu erfüllen. Viel lieber wäre er in den Highlands geblieben und hätte sich dort um seinen Besitz und seine Zukunftgekümmert. Immerhin neigte sich der Krieg nun dem Ende entgegen. Bald würde er wieder zu Hause sein.
    Neben ihm saß sein Freund aus diesen Kriegstagen. Auch er hatte nicht freiwillig zu den Waffen gegriffen.
    »Was meinst du?«, fragte dieser Freund nun. »Wie lange werden die Kämpfe noch dauern?«
    »Ich weiß es nicht … Aber ich hoffe, dass dies die letzten Tage sind, die ich auf dem Schlachtfeld verbringe.«
    Die beiden Männer legten sich schlafen, und schon bald versanken sie wie schwere Steine im Fluss in den Tiefen ihrer verstörenden Träume. Sie hörten nicht, dass Hufgeklapper sich aus der Richtung des brennenden Dorfes näherte.
    Erst als der Rauch ihres brennenden Zeltes ihnen den Atem nahm, wachten sie auf. Nur mühsam erreichten sie den Ausgang. Draußen aber warteten die Männer des Dorfes auf sie.
    Ein Dolchstoß traf Allistair am Oberarm. Er brüllte auf, rollte sich herum, bekam eine Stange des brennenden Zeltes zu fassen und riss mit aller Kraft daran.
    Inzwischen war auch sein Freund ins Freie gekrochen. Die beiden Männer warfen sich auf ihn. Einer hielt seine Füße wie Schraubstöcke umklammert, der andere setzte sich auf seine Brust und hielt ihm den Dolch an die Kehle.
    Der Freund schrie nicht. Er starrte mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen auf seinen Gegner, unfähig, sich zu rühren.
    In diesem Augenblick schwang Allistair die brennende Stange und ließ sie mit aller Kraft auf die Männer herabdonnern, die seinen Freund bedrohten. Der eine, der die Füße des Wehrlosen umklammert hielt, war soforttot. Der andere aber begann zu brennen. Das Feuer griff nach dem groben Leinenhemd und setzte es in Brand. Sein Gebrüll klang unmenschlich, verlor sich in den Bergen und kam als schreckliches Echo zurück. Der Brennende ließ von dem Freund ab, sprang auf, rannte wie eine lebende Fackel zum nahen See und stürzte sich kopfüber hinein.
    Allistair kniete sich neben seinen Freund, besah die tiefe Wunde am Hals, aus der das Blut quoll. Er riss seinen Ärmel ab und verband die Wunde. Der Freund stöhnte leise.
    »Du hast mir das Leben gerettet«, sagte er. »Ich danke dir dafür. Wann immer du mich einmal brauchen solltest, bin ich für dich da.«
    »Du wirst eine Narbe am Hals zurückbehalten«, erwiderte Allistair.
    Der Freund lachte unter Schmerzen. »Was bedeutet schon eine Narbe, wenn man einen Freund wie dich gefunden hat?«

1. Kapitel
    Schottidched Hochland, im Jahre 1487
    Lord McLain stand vor seinem einstmals prächtigen Gutshaus, beschirmte mit der Hand die Augen und sah hinaus in die Ferne, dorthin, wo seine Ländereien in den Wald übergingen.
    Dicke Rauchwolken versperrten ihm die Sicht. Er seufzte und wandte sich an seinen Verwalter, der neben ihm stand und ebenfalls sorgenvoll auf den Waldrand blickte.
    »Die Kingsleys haben unsere Felder in Brand gesteckt, nicht wahr?«, fragte der alte Lord.
    Charles Connor nickte. »Das dritte Mal schon in diesem Jahr! Und dabei haben wir erst Mai.«
    »Wie hoch ist der Schaden?«
    Connor zuckte mit den Achseln. »Das werden wir erst sehen, wenn das Feuer gänzlich gelöscht ist. Die Männer sind gerade dabei, Wasser aus dem See zu holen.«
    »Der verdammte See«, brummte Lord McLain. »Wie

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