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Über Stock und Runenstein

Über Stock und Runenstein

Titel: Über Stock und Runenstein
Autoren: Charlotte MacLeod
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Kapitel 1
     
     
     
     
     
     
     
    C ronkite Swope, rasender Reporter beim All-woechentlichen
Gemeinde- und Sprengel-Anzeyger für Balaclava, kritzelte noch etwas auf
sein gelbes Notizpapier und fixierte dann seine Interviewpartnerin mit genau
der richtigen Mischung aus mitfühlendem Interesse und grenzenloser
Entschlossenheit, wie sie von einem aufstrebenden jungen Reporter erwartet
wird. »Und worauf führen Sie selbst«, fragte er höflich, aber bestimmt, »Ihr
hohes Alter zurück, Miss Horsefall?«
    Miss Hilda Horsefall plazierte gekonnt
einen Strahl Tabaksaft genau fünf Inch rechts neben Cronkites schicke rotgrüne
Joggingschuhe. »Teufel auch, daß ihr Zeitungsfritzen mir auch immer die gleiche
dämliche Frage stellen müßt, seit ich 100 bin. Könnt euch wohl nichts Beßres
ausdenken, was? Bin grad beim Brotbacken, muß ‘n Boden noch schrubben und hab’
genug andres zu tun, als hier mit kleinen Jüngelchen wie dir rumzuquatschen.«
    Da Cronkite die alte Dame immerhin um
stolze eineinhalb Köpfe überragte, war die letzte Bemerkung zweifellos als
Zurechtweisung gedacht und traf ihn dementsprechend hart. »Wenn du meins’, wie
ich’s so lang hier ausgehalten hab’, dann is’ die Antwort: weil mich zum Glück
nie ‘n verflixter Ehemann so drangsaliert hat, daß ich vor der Zeit abgekratzt
bin. Anständige Gedanken, ‘n saubres Leben und zum Essen ‘nen ordentlichen
Schluck selbstgemachten Pflaumenschnaps, das reicht als Erklärung allemal, wenn
du unbedingt was schreiben mußt. Die Vitamine im Schnaps haben’s in sich, sag’
ich dir. Das Zeug pustet einem so richtig die Adern frei und hält ‘s Blut auf
Trab. Würd’ dir auch nich’ schaden, Herzchen. Siehst mir ‘n bißchen spitz im
Gesicht aus. Daß Ihr jungen Leute heutzutag auch nix andres zu tun habt als
aufm Hintern rumhocken und Leute belästigen, die hart arbeiten müssen, bloß um
dann euern Quatsch in ‘ne Zeitung zu setzen, statt mal selbs’ ordentlich
mitanzupacken.«
    Selbst einem Roger Mudd waren wohl Tage
wie dieser nicht erspart geblieben. Beharrlich kehrte Cronkite wieder zu seinem
eigentlichen Thema zurück. »Für eine Dame, die bald ihren 105ten Geburtstag
begeht, scheinen Sie sich einer ausgezeichneten Gesundheit zu erfreuen. Waren
Sie eigentlich jemals ans Bett gefesselt?«
    »Na, das is ja ‘ne schöne Frage, die du
da ‘ner anständigen unverheirateten Frau stellst. Nee, ans Bett noch nie.«
    Doch dann blickten Miss Horsefalls Habichtaugen
verträumt in der Erinnerung an die Vergangenheit. »Da gab’s natürlich die paar
Mal in der Kutsche von Canny Lumpkin, und dann die Schlittenfahrt, damals im
Februar. Eins kannste mir glauben, bei minus 23 Grad is’ es absolut kein
Zuckerlecken, wenn einem der Wind durch die Röcke pfeift. Canny hat sich in der
Nacht beinah ‘n Flosenstall zugefroren, das is’ die reine Wahrheit. Aber wenn
du ‘n einziges Wort davon druckst, reiß’ ich dir ‘n Kopf ab. Nich’, daß es mir
heut noch viel ausmacht, und Canny is’ es sicher auch schnurz. Guckt sich schon
seit mehr als 40 Jahr’ die Radieschen von unten an. Ja, ja, ‘s war in der Nacht
unten beim Runenstein. Canny hat immer verrückte Ideen gehabt übern Runenstein.
Canute, das war sein richt’ger Name.«
    »Um welchen Runenstein handelt es
sich?« hakte Cronkite interessiert nach. »Ich wußte gar nicht, daß es hier in
dieser Gegend Runensteine gibt.«
    »Bestimmt gibt’s noch verdammt viel,
was du nich’ weißt«, erwiderte Miss Horsefall. »Aber kann man dir wohl nich’
ankreiden, daß du nix vom Runenstein weißt. Hab’ selbs’ seit Gott weiß wie lang
nich’ mehr dran gedacht. Is’ inzwischen bestimmt sechs Fuß tief unter
Giftsumach und Dornengestrüpp begraben und wird’s wohl auch bleiben, bei der
lausigen Arbeit, die hier gemacht wird. Vater hat ‘n Laden besser geschmissen
zu seiner Zeit, das kann man schon sagen, da war noch Schwung drin. Ja, ja. Der
hatte aber auch sieben Söhne und zwei Tagelöhner.
    Jetz’ is’ bloß noch Henny da und der
Jammerlappen Spurge Lumpkin, der ‘s Pulver nich’ wert is’, mit dem man ihn ins
Jenseits pustet. Keiner will mehr aufm Land arbeiten. Wenn Professor Arnes
nich’ wär’ und die Jungs vom College mitbrächt’, um beim Säen und Ernten zu
helfen, könnten wir genausogut den ganzen Kram zusammenpacken und abhauen.
Jetzt sind se ‘n ganzen Sommer weg, und wir wursteln allein hier rum. Nächsten Geburtstag
verbring’ ich todsicher im Armenhaus. Ganz

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