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Über den Ursprung des Übels

Titel: Über den Ursprung des Übels
Autoren: Albrecht von Haller
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Erstes Buch
1734
    Dieses Gedicht habe ich allemal mit einer vorzüglichen Liebe angesehen. Die mir wohl bekannte Rauhigkeit einiger Stellen entschuldigte ich mit der moralischen Unmöglichkeit, gewisse Vorwürfe zugleich stark und dennoch angenehm zu malen. Die lange Mühe, die ich daran gewandt und die über ein Jahr gedauret hat, vermehrte meine Liebe, indem uns ordentlich alles lieber ist, was uns teurer zu stehen kömmt. Ich unterzog mich dieser Arbeit aus Hochachtung für einen Freund, der die Früchte seiner reifen Tugend schon längst in der Ewigkeit genießt. Das Ende gefiel ihm am wenigsten. Er sah es für zu kurz, zu abgebrochen und zu unvollständig an. Es können in der Tat noch beßre Ursachen für die Mängel der Welt gesagt werden. Aber ein Dichter ist kein Weltweiser, er malt und rührt und erweiset nicht. Ich habe also dieses Gedicht unverändert beibehalten, ob ich wohl bei gewissen Stellen hätte wünschen mögen, daß ich die nämlichen Dinge deutlicher und fließender hätte sagen können. Jetzt da mir die nahe Ewigkeit alles in einem ernsthaften Lichte zeigt, finde ich, die Mittel seien unverantwortlich verschwiegen worden, die Gott zum Wiederherstellen der Seelen angewendt hat, die Menschwerdung Christi, sein Leiden, die aus der Ewigkeit uns verkündigte Wahrheit, sein Genugtun für unsre Sünden, das uns den Zutritt zu der Begnadigung eröffnet, alles hätte gesagt werden sollen. Ich könnte wohl zur Entschuldigung sagen, die Geister seien in meinem Gedichte mit den Menschen als Knechte des Übels beschrieben, und für die Geister habe Gott keinen Mittler geschickt. Ich könnte mich auch auf die Macht der Sünde berufen, die ungeachtet des verdienstlichen Leidens Jesu bei den Menschen herrschet. Ich fühle aber dennoch, daß in einem Gedichte, dessen Verfasser Gottes Gerechtigkeit und Güte verteidigen wollte, alles hätte gesagt werden sollen, was Er zu unsrer Errettung getan hat. Aber damals war mein Entwurf ganz allgemein und philosophisch, und jetzt ist es mir nicht mehr möglich, ein ohnedem fast meine Kräfte übersteigendes Werk umzugießen.
           
Auf jenen stillen Höhen,
Woraus ein milder Strom von steten Quellen rinnt,
Bewog mich einst ein sanfter Abend-Wind,
In einem Busche stillzustehen.
Zu meinen Füßen lag ein ausgedehntes Land,
Durch seine eigne Größ umgrenzet,
Worauf das Aug kein Ende fand,
Als wo Jurassus es mit blauen Schatten kränzet. Diese ganze Aussicht ist nach der Natur beschrieben.
Die Hügel decken grüne Wälder,
Wodurch der falbe Schein der Felder
Mit angenehmem Glanze bricht;
Dort schlängelt sich durchs Land, in unterbrochnen Stellen,
Der reinen Aare wallend Licht;
Hier lieget Nüchtlands Haupt in Fried und Zuversicht
In seinen nie erstiegnen Wällen.
Soweit das Auge reicht, herrscht Ruh und Überfluß;
Selbst unterm braunen Stroh bemooster Bauren-Hütten
Wird Freiheit hier gelitten
Und nach der Müh Genuß.
Mit Schafen wimmelt dort die Erde,
Davon der bunte Schwarm in Eile frißt und bleckt,
Wann dort der Rinder schwere Herde
Sich auf den weichen Rasen streckt
Und den geblümten Klee im Kauen doppelt schmeckt;
Dort springt ein freies Pferd, mit Sorgen-losem Sinn,
Durch neu-bewachsne Felder hin,
Woran es oft gepflüget,
Und jener Wald, wen läßt er unvergnüget?
Wo dort im roten Glanz halbnackte Buchen glühn
Und hier der Tannen fettes Grün
Das bleiche Moos beschattet;
Wo mancher heller Strahl auf seine Dunkelheit
Ein zitternd Licht durch rege Stellen streut
Und in verschiedner Dichtigkeit
Sich grüne Nacht mit güldnem Tage gattet.
Wie angenehm ist doch der Büsche Stille,
Wie angenehm ihr Widerhall,
Wann sich ein Heer glückseliger Geschöpfe
In Ruh und unbesorgter Fülle,
Vereint in einen Freudenschall!
Und jenes Baches Fall,
Der schlängelnd durch den grünen Rasen
Die schwachen Wellen murmelnd treibt
Und plötzlich, aufgelöst in Schnee- und Perlen-Blasen,
Durch gähe Felsen rauschend stäubt!
Auf jenem Teiche schwimmt der Sonne funkelnd Bild
Gleich einem diamantnen Schild,
Da dort das Urbild selbst vor irdischem Gesichte
In einem Strahlen-Meer sein flammend Haupt versteckt
Und, unsichtbar vor vielem Lichte,
Mit seinem Glanz sich deckt.
Dort streckt das Wetterhorn den nie beflognen Gipfel
Durch einen dünnen Wolken-Kranz;
Bestrahlt mit rosenfarbem Glanz,
Beschämt sein graues Haupt, das Schnee und Purpur schmücken,
Gemeiner Berge blauen Rücken. Die niedrigen Gebürge, die von dem Thuner See nach dem luzernischen Gebiete sich erheben und
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