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Treffpunkt Unendlichkeit

Treffpunkt Unendlichkeit

Titel: Treffpunkt Unendlichkeit
Autoren: John Brunner
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PROLOG
     
    Schlag zwölf Uhr mittags an diesem Tage nimmt das Schicksal seinen Lauf. Nimmt der Tod seinen Lauf. Zeit tickt – Herzschlag, Uhrzeiger, Totenglocke.
    HIER ENTLANG.
    Diese Worte stehen auf dem Pfeil der Zeit wie auf einem Verkehrszeichen. Die Sprache, in der sie geschrieben sind, kann niemand lesen.
    Jetzt liegen die Uhrzeiger übereinander wie Liebende. Jetzt sind sie parallel. Und doch haben sie immer in die gleiche Richtung gewiesen – hier entlang. Sie treffen sich mittags. Sie treffen sich in der Unendlichkeit.
    JETZT.
    Unter dieser Sonne ziehen an die hunderttausend Planeten ihre Bahn, und ihre Drehung treibt die Uhr des Menschenlebens an.
    Greifen wir sie zufällig heraus, die Ereignisse auf dieser Uhr des Chaos: Furchtmeister aus dem Volke der G’kek spricht mit jenen, die letztes Jahr kamen und Geschenke brachten. Die Furcht, die er angeblich gemeistert hat, läßt seine Stimme zittern.
    Und wieder zufällig: Hunger brennt in den Augen jener, die kein Ziel haben, sondern nur warten. Wenn es echter Hunger wäre, der verschlingen könnte, so würden sie Menschen zerreißen.
    Und wieder zufällig: Lavastöße aus dem Schlund eines Vulkans. Der Auswurf dieses Fiebers – Tonnen von Gestein. Der Schweiß – ein glühender Fluß, der sich mit der Geschwindigkeit eines Läufers fortbewegt.
    FÜR JEDES LEIDEN UNTER DER SONNE
    GIBT ES HEILUNG ZWEIFELSOHNE.
    FINDEST DU SIE, DANN WENDE SIE AN.
    BLEIBT SIE VERBORGEN,
    DANN DENK NICHT MEHR DRAN!
    Auf hunderttausend Welten ist Platz für viele hunderttausend Leiden. Der Mensch kennt nur für wenige eine Heilung.
    Hier ist ein Leiden, für das man keine Heilung kennt: Wie das Aufbrechen eines Vulkans erschüttert es die Erde. Wie Hunger beherrscht es die Menschheit. Wie die Uhr der Welten treibt es sie blindlings voran.
    Es beginnt!
     
    *
     
    Zeiger vereinen sich mit der unehrlichen Freundlichkeit von Fremden, die einander begrüßen; sie sind Lichtstreifen auf einem Bildschirm aus Mattglas, und dieser Schirm befindet sich in der Wand des tausendstöckigen Turmes – genannt Der Markt. Dieser Turm wächst wie ein Baum aus den Wurzeln der Geschichte und Technik. Wie der Zeitstab, der erste Versuch einer Uhr, wirft er einen Schatten – über hunderttausend Planeten, die Sol umkreisen.
    Seine Wurzeln sind kräftig und lang. Sie haben den besten Nährboden – Tod und Fäulnis. Wie Würmer durchdringen sie die hundert Millionen Leichen des Weißen Todes.
    Und die älteste aller Wurzeln ist so stark und lang wie die Entwicklungslinie der Menschheit selbst: der Instinkt, mehr als die anderen zu besitzen.
    Tackets Expeditionen zogen trunken vor Entdeckerfreude aus und gerieten eine nach der anderen in Fallen. Jene, die danach kamen, vorsichtig und mit Waffen versehen, waren die Kaufleute. Sie verwandelten schmale Wege in Handelsstraßen. Wie zu allen Zeiten. Hätte es Kühlschränke am Hof von Kastilien gegeben, so wäre Kolumbus vielleicht nicht übers Meer gesegelt. Der Wind, der Forscher durch die Welt wehte, stank nach verwesendem Fleisch, und sie suchten nach Wohlgerüchen und Spezereien, um ihn zu überdecken.
    Märkte sind ein Ausdruck ihres Kulturkreises. Manchmal wird eine Kultur zum Markt. Dann hat die Stunde des wagemutigen Kaufmanns geschlagen. Er wird zum Helden; in der einen Hand Gold und Schätze, in der anderen das Schwert.
    Das Leiden, das beginnt, ist nicht das Leiden der Habgier.
    Schon vor langer Zeit kam der Mensch zu dem Schluß, daß das ein Leiden zweiter Klasse sei, eines ohne Heilung.
    Es ist noch keine Generation her, seit der Weiße Tod zuschlug. Die halbe Bevölkerung jener Welt, auf welcher Der Markt steht, erinnert sich noch an ihn. Er zog seine Bahn wie eine Sense durch das Gras. Wie ein Gebäude, das sich absenkt, hat sich die Struktur des Daseins verschoben und neuen Halt gefunden. Die Absenkung hat Risse erzeugt. Die meisten wurden nicht geflickt. Kalte Winde streichen über die bloßen Wunden. Die Menschheit verflucht das Geschick. Sie verflucht – unter anderen – Tacket.
    Aber es war nicht Tackets Schuld. Der Markt ist tief, sehr tief verwurzelt.
     
    *
     
    Die Zeiger, Lichtstreifen auf einem Bildschirm aus Mattglas, trennen sich wieder. Die Entscheidung ist getroffen; die Würfel sind gefallen. Es ist keine Pause entstanden, keine Unterbrechung. Nichts wurde angehalten, auch nicht für einen einzigen Augenblick.
    Der Markt ragt hoch über die Stadt mit ihren zwölf Millionen Einwohnern. Keiner dieser Einwohner weiß

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